Was macht man, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint? Diese Gretchenfrage an Strom aus Windkraft und Photovoltaik ist nicht neu - und sie wird in immer neuen Variationen selbst von solchen Experten gestellt, die sie bei gutem Willen schon längst befriedigend beantworten könnten. Was als objektives Handikap erneuerbarer Energien erscheint, ist bei näherem Hinsehen ein subjektives Problem der konventionellen Energieversorger.

Die erste und naheliegendste Antwort auf diese Frage: Wenn Wind und Sonne ausfallen, wird eine andere Energiequelle zugeschaltet. Das ist die gängige Praxis der Stromversorger, um auf Bedarfsschwankungen mit dem jeweils kostengünstigsten verfügbaren Strom zu reagieren - oder auch um Angebotsschwankungen zu meistern, etwa bei einer Betriebsstörung eines Atomkraftwerks. Wenn Windkraft oder Photovoltaik ins Spiel kommen, gibt es zusätzliche Gründe für dieses längst von Computern gesteuerte dispatching, aber es entsteht kein grundlegendes praktisches Problem.

Die nächste Frage ist, ob das Vorhalten von Kapazitäten für die Ausfallzeiten von Wind- oder Sonnenstrom zusätzliche Kosten hervorruft. Der Beitrag von Matthias Brendel in der ZEIT Nr. 32 vom 30. Juli beleuchtet diese Frage am Beispiel des Stromkonzerns PreussenElektra, der den größten Teil Norddeutschlands mit Strom aus seinen Großkraftwerken beliefert. Bei abrupter Windflaute müsse sofort zugeschaltet werden, wofür eine ständig produzierte Dampfmenge zur Verfügung stehe, die emissionsträchtig "in den Wind geschrieben" sei, wenn die Windkraftanlagen Strom lieferten. Deshalb vermeide der Windstrom teilweise deutlich weniger Kohleverbrennung, als er ins Netz einspeise. Der Artikel von Brendel erläutert aber auch am dänischen Beispiel, daß man den Windstrom präziser berechnen kann und sich als Ersatzleistung auf sekundenschnell zuschaltbare Wasserkraftkapazität stützen kann. Auch macht Brendel deutlich, wie Windstromanbieter selbst für ein kontinuierliches Angebot sorgen können - etwa indem sie den Strom in Batterien speichern. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, daß solche Zusatzkosten keineswegs anfallen müssen. Mehr noch: In den geöffneten Strommärkten könnten sich die Leistungsreservekosten drastisch senken lassen. Erneuerbare Energien könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.

Erstens: Wieviel mit Steinkohle produzierten Reservedampf der bisherige Monopolist PreussenElektra tatsächlich ständig für Windausfallzeiten parat hält, ist nicht bekannt. Wenn der Stromkonzern jedoch wirtschaftlich gehandelt hat, dürfte die Menge äußerst gering sein, weil er sinnvollerweise vorrangig seine Pumpspeicherkapazitäten eingesetzt hat. Dafür können aber kaum Zusatzkosten angefallen sein - jedenfalls keine, die man speziell dem Windstrom anlasten könnte. Denn diese Reservehaltung ist ohnehin notwendig, auch für das Zuschalten im rein konventionellen Betrieb. Die Kosten bezahlen die Stromverbraucher bereits mit dem Grundtarif. Bei weiterem Ausbau der Windkraft ist es ein leichtes, auf Ausfallzeiten mit der kostengünstigeren Wasserkraft aus Skandinavien zu reagieren.

Hinzu kommt, daß die Schwankungen im Windstromangebot weniger dramatisch und leichter voraussehbar sind, als man denkt. Da niemals in allen Regionen gleichzeitig der Wind ausfällt, mitteln sich die Schwankungen im Verbund aller Windkraftanlagen. Das Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel hat die Wahrscheinlichkeit dafür berechnet, daß sich die Summenleistung des Windstroms in einer Stunde um mehr als zehn Prozent ändert - sie beträgt nur 1:1000. Damit läßt sich Windstrom genauso in die Einsatzplanung für Kraftwerke integrieren wie der tageszeitlich schwankende Strombedarf.

Zweitens: Die Praxis, Reserveleistungen aus großen Kondensationskraftwerken zu bestreiten, war schon immer ökonomischer und ökologischer Unfug. Auch wenn keine Wasserkraft zur Verfügung steht, gibt es wesentlich flexiblere und brennstoffsparendere Wege, etwa das Einschalten von dezentralen Motorkraftwerken ohne oder mit Kraft-Wärme-Kopplung. In Dänemark kommen bereits vierzig Prozent der Stromversorgung aus dezentralen Blockheizkraftwerken. In Deutschland sind es weniger als zehn Prozent.

Die Großkapazitäten der deutschen Energieversorger haben die enormen Überkapazitäten erst entstehen lassen - stranded investments, die im europäisierten Strommarkt nun deutlich werden. Da der Markt jetzt für neue Anbieter geöffnet ist, wird sich das Problem noch verschärfen. Weil sie ihr Erzeugungsmonopol erhalten wollen, bemühen sich die Stromversorger um weitere Unternehmenskonzentrationen. Vernünftig wäre jedoch ein Abbau, schließlich der Verzicht auf Kondensationskraftwerke und die Orientierung auf dezentrale Erzeugungsanlagen.