ZEITmagazin: Halten Sie sich für einen Gott, Herr Westernhagen?

Marius Müller-Westernhagen: Knien Sie nieder und beichten Sie, wie Sie auf so eine absurde Frage kommen!

Westernhagen: Wenn Sie sich den Text anhören, werden Sie einsehen, daß das nichts mit Ihrer Frage zu tun hat. Auf der Bühne zu stehen ist natürlich auch Inszenierung, das Erzeugen einer Illusion. Wenn ich im Privatleben versuchen würde, dem gerecht zu werden, was ich für das Publikum auf der Bühne darstelle, bekäme ich doch ein gewaltiges Identitätsproblem. Oder, um es einfacher zu sagen: Aus mir würde ein ziemliches Arschloch werden.

ZM: Sie sind der bekannteste Rocker Deutschlands. Beschreiben Sie bitte Ihr Rockstargefühl.

Westernhagen: Ist Rockstar eigentlich eine Berufsbezeichnung? Ich weiß nur, daß ich verdammt allein bin, wenn ich vor den Vorhang muß. Ich sehe mich auf der Bühne als Medium, als Leinwand, auf die das Publikum seine Wünsche und Träume projiziert. Es ist ein Austausch von Energie. Auf der letzten Tour war beim Kölner Konzert die Energie der Leute so überwältigend, daß ich einen Augenblick glaubte, abzuheben. Ich habe mich über Wochen nicht getraut, darüber zu reden, nicht einmal mit meiner Frau. Als dann der Regisseur D. A. Pennebaker zur Promotion für den Tourfilm "Keine Zeit" rüberkam, erzählte er mir, daß er die gleiche Erfahrung gemacht hatte. Verrückt!

ZM: Sie sind ja Esoteriker!

Westernhagen: Ich bin kein abergläubischer Mensch - wenn Aberglaube Ihr Verständnis von Esoterik sein sollte. Und ich verstehe, daß das für jemanden, der nie in dieser Situation war, schwer nachzuvollziehen ist. Aber für mich ist diese Energie real, ich spüre sie physisch. Das ist wahrscheinlich auch das, was diese Riesenkonzerte für mich so anstrengend macht.