Wer sich heute auf eine Stellenanzeige bewirbt, der muß schon zu einer gewissen Selbstüberschätzung neigen", konstatierte Stephan Schleissing vom Forum für Junge Erwachsene an der Evangelischen Akademie Tutzing kürzlich auf einer Tagung. Denn es sei schon erstaunlich, was da alles gefordert werde: Persönlichkeiten mit natürlicher Autorität, Durchsetzungskraft und Teamfähigkeit, sozial kompetent und emotional intelligent, belastbar und motiviert. Doch was hat es mit der Forderung nach den soft skills tatsächlich auf sich? Ist die Suche nach Persönlichkeit bloße Rhetorik oder ernst gemeint von den Unternehmern? In Tutzing diskutierten Experten, Wissenschaftler und Personalmanager über die wachsende "Mobilisierung der Persönlichkeit".

"Das ist nur eine Worthülse", kritisierte Asma Semler, Personalberaterin bei der Firma Russell & Reynolds Associates in Hamburg. Die Beschreibungen in den Stellenangeboten seien "wolkig diffus", und kaum einer gebe sich die Mühe, die Schlagwörter zu hinterfragen. Holzschnittartig beschrieb die Headhunterin dabei zwei gegensätzliche Managertypen. Für den traditionellen Macher ist Zeit Geld, Kurzangebundensein ein Zeichen von Effizienz. Sein Treibstoff heißt Macht. Mitarbeiter sind für ihn nur Figuren auf seinem Schachbrett. Mit der Auflösung der klassischen Organisationsformen aber ist ein neuer Typ gefordert. Der moderne Leader hinterfragt die gängigen Standards. Er kommuniziert mit seinen Mitarbeitern, überträgt ihnen Verantwortung und honoriert ihre Leistungen. Kurz, er entspricht dem Profil vieler Anzeigen.

Doch suchen die Unternehmen ihn wirklich? Die Beobachtungen von Asma Semler ernüchtern: "Die Mehrheit derjenigen, die entscheiden, entspricht dem traditionellen Macher, und der sucht stets Abbilder seiner selbst." Der autoritäre Machertyp gewinne daher meist das Rennen, obwohl die Vorgaben anders lauten.

Wie zweifelhaft die Suche nach Persönlichkeiten ist, zeigte die recruiting-Veranstaltung "Characters 97". Dort sollten sich erstmals jobsuchende "Querdenker, Risktaker und Unternehmertalente" präsentieren.

"Aber die Unternehmen suchen keine Querdenker, sondern Leute mit hervorragenden Noten", resümierte ein frustrierter Teilnehmer, der trotz Auslandsaufenthalten und sozialem Engagement an seinem schwachen Examen scheiterte.

"Entscheidet bei Hunderten von Bewerbungen nicht doch allein die Papierform?"

lautete daher auch in Tutzing die Frage. Bertelsmann-Manager Gert Stürzebecher verneinte. Der Medienkonzern brauche Menschen, die sich selbst ein Projekt suchen und es erfolgreich bearbeiten, also den Unternehmer im Unternehmen. Der Bewerber müsse seine Individualität zur Geltung bringen und bereits bewiesen haben, daß er etwas aus seinen Möglichkeiten gemacht hat.