Acht Männer waren bei dem Versuch, die Eigernordwand zu bezwingen, schon ums Leben gekommen, als der Durchstieg im Juli 1938 endlich gelang: Zwei deutsche und zwei österreichische Bergsteiger besiegten die höchste und gefährlichste Felsmauer der Alpen, die letzte große Wand, die hier noch zu haben war. Von den vieren leben noch zwei: Heinrich Harrer, 86, und Anderl Heckmair, 91.

Für die Nazipropaganda war ihre Leistung ein gefundenes Fressen. Erst vier Monate waren seit dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich vergangen - war da der Gipfelsieg durch zwei aus dem Altreich und zwei aus der Ostmark, zusammengebunden an einem Seil, nicht ein perfektes Symbol für die Zusammengehörigkeit und, vor allem, die Überlegenheit des neuen Großdeutschland?

"Mei, die Feierlichkeiten hab' ich schon dick gehabt", meint Anderl Heckmair sechzig Jahre später. Für seine bald zweiundneunzig Jahre wirkt er noch ungemein frisch und drahtig. Was vielleicht an dem Gläschen Schnaps liegt, das er sich schon morgens gönnt. Nein, mit den Nazis habe er nichts am Hut gehabt.

Von Heinrich Harrer, dem späteren Vertrauten des Dalai Lama, wurde kurz vor der Premiere des Films "Sieben Jahre in Tibet" bekannt, daß er SS-Mitglied war. Bis dahin hatte er das verschwiegen, obwohl er nach eigenem Bekunden nicht "aktiv" war, die Uniform nur einmal anhatte, und zwar zu seiner Hochzeit.

Eine Zahnradbahn führt von Grindelwald im Berner Oberland auf die Kleine Scheidegg. Wie ein riesiges Amphitheater reckt sich hier die Eigernordwand 1800 Meter hinauf bis zum Gipfel in 3970 Meter Höhe. Die Kleine Scheidegg ist mit ihren Hotels und Münzteleskopen ein idealer Platz, die Nordwand-Aspiranten auf dem Grat zwischen Leben und Tod zu verfolgen. Im Sommer 1938 warten hier viele hundert Schaulustige.

Am 21. Juli steigt die österreichische Seilschaft Heinrich Harrer/Fritz Kasparek in die Wand ein. In der folgenden Nacht wollen auch Anderl Heckmair und Ludwig Vörg aufbrechen. Noch rasch den Wetterbericht eingeholt: flaches Hoch über der Ostsee, flaches Tief über den Britischen Inseln - alles flach, nur die Wand ist steil, scherzt Heckmair.

Um 3 Uhr morgens verlassen die beiden ihr Zelt. Um 11.30 Uhr haben sie die Österreicher eingeholt. Heckmair will an den Rivalen vorbei, da sagt Vörg: Schließen wir uns doch zusammen! Etwas widerwillig stimmt Heckmair zu. Auch zu viert kommen sie rasch voran. Um 19 Uhr haben sie bereits 3300 Meter Höhe erreicht, noch 600 Meter bis zum Gipfel - Neuland, das noch kein Mensch betreten hat.