Ein Mathematikbuch auf Platz eins der Bestsellerlisten? Das englische Original von Simon Singhs "Fermats letzter Satz" hat es geschafft. In den USA und in England stand das Werk über das Jahrhundertereignis der Mathematik wochenlang ganz oben. Der Wissenschaftsjournalist Singh erzählt darin auf mitreißende Art, wie nach über 350 Jahren die wohl berühmteste mathematische Vermutung bewiesen wurde.

Dabei taucht alles auf, was das Leben zu bieten hat: Genialität, Neid, Mißgunst, Einbildung, Liebe und Selbstmord. Simon Singh setzt auf das klassische Konzept populärwissenschaftlicher Mathematikbücher. Er hält den Leser mit amüsanten Anekdoten bei der Stange und streut die harten mathematischen Brocken beiläufig ein. Dem Normalsterblichen die Ergebnisse der modernen mathematischen Forschung nahezubringen gleicht in der Regel der Quadratur des Kreises. Allein um zu begreifen, was die Theoreme aussagen, ist intensives Studium nötig, vom Verstehen der Beweise ganz zu schweigen. Der größte Teil unserer in der Schule gelernten Mathematik ist mehr als 200 Jahre alt. Zwischen ihr und dem heutigen Stand klafft eine riesige, auf die Schnelle nicht zu überbrückende Lücke.

Doch was Mathematiker umtreibt und wie sie arbeiten, läßt sich sehr wohl beschreiben. Singh führt dies an seinem Hauptdarsteller, dem britischen Mathematiker Andrew Wiles, beispielhaft vor. Im Lauf der Lektüre entsteht ein farbiges Bild von Wiles, und der Leser beginnt zu verstehen, wie einer gestrickt sein muß, der nach so langer Zeit zum wissenschaftlichen Ziel kommt. "Ich war von diesem Problem so besessen, daß ich acht Jahre lang an nichts anderes dachte - vom Aufstehen bis zum Schlafengehen", gesteht der Held des Buches freimütig.

Schon im zarten Alter von zehn Jahren verbiß sich Wiles in Fermats letzten Satz, den er beim Stöbern in einer Bücherei entdeckte: "xn + yn = zn hat keine ganzzahligen Lösungen für n > 2." Diese Vermutung hatte Pierre de Fermat 1637 auf den Seitenrand eines Mathematikbuches gekritzelt und daneben notiert: "Für diese Behauptung habe ich einen wahrhaft wunderbaren Beweis gefunden, aber dieser Rand ist zu schmal, ihn zu fassen." Den wunderbaren Beweis nahm er mit ins Grab - und hinterließ ein Rätsel, an dem sich Generationen von Mathematikern die Zähne ausbissen.

Wiles' Lehrer und später seine Universitätsdozenten rieten ihm denn auch davon ab, Zeit auf das Unmögliche zu verschwenden. Nach vielen vergeblichen Ansätzen verschob Wiles tatsächlich den Beweis-Versuch und wandte sich naheliegenderen Dingen zu: Er machte Karriere und ging als Mathematikprofessor nach Princeton. Erst Mitte der achtziger Jahre bot sich durch aktuelle Forschungsergebnisse ein neuer Ansatz. Als Wiles davon erfuhr, machte er sich umgehend ans Werk - ohne allerdings seinen Kollegen ein Wort sagen. Er fürchtete, jemand könnte ihm den Ruhm vor der Nase wegschnappen.

Nur seiner Frau erzählte er von dem Vorhaben - auf der Hochzeitsreise.

Ansonsten verschanzte er sich auf dem Dachboden zu acht Jahren harter, einsamer Geistesarbeit.