Nervös malmen die Kieferknochen des Angeklagten. Unerbittlich prasseln die Fragen des Staatsanwalts auf ihn herab. "Was hattest du mit dem Messer vor?"

will er jetzt wissen. - "Nichts, ich wollte niemanden verletzen", flüstert Marcus, der junge Schwarze. Dann erzählt er leise, wie die Waffe in seinem Schließfach in der Schule entdeckt wurde.

Mit undurchdringlichen Mienen verfolgen die Geschworenen das Kreuzverhör. Sie tragen Blümchenkleider oder Latzhosen und haben lila Fingernägel, gelegentlich ist eine Zahnspange zu sehen. Der knallharte Staatsanwalt heißt Matt, ist erst vierzehn und leidet unter leichter Akne. Die bunte Versammlung nimmt sich merkwürdig aus im ehrwürdigen Verhandlungsaal des Glen-Burnie-Bezirksgerichts im US-Bundesstaat Maryland. Hier tagt am zweiten Mittwochabend das Teen-Gericht.

Teenager als Richter sind Amerikas neueste Hoffnung im Kampf gegen die Jugendkriminalität. Fast drei Millionen Male, so schätzt das Justizministerium, wurde 1996 ein Minderjähriger verhaftet - fast jeder fünfte "Reviergast" war jünger als achtzehn Jahre. In der Altersgruppe der Zehn- bis Siebzehnjährigen wurde 1996 im Durchschnitt einer von 220 Jugendlichen wegen Mordes, Vergewaltigung, Raub oder schwerer Körperverletzung festgenommen. Die Zahl der Verhaftungen wegen Drogenmißbrauchs stieg zwischen 1992 und 1996 um 120 Prozent.

Kommunen und Staaten versuchen verzweifelt, den jugendlichen Verbrechensrausch zu bremsen - meist mit Härte. In Städten wie Chicago, Baltimore, San Diego und Denver haben Teenager abends Ausgangssperre.

Kommunen wie zum Beispiel Silverton in Oregon bringen die Eltern wegen der Taten ihrer Kinder vor Gericht. Und in fast allen Bundesstaaten ist es inzwischen erlaubt, Minderjährige bei schweren Vergehen wie Volljährige zu bestrafen.

Immer mehr Gemeinden jedoch schwören auf eine neue Strategie. Sie stellen Straftäter im Alter zwischen sieben und neunzehn Jahren nicht mehr automatisch vor ein Jugendgericht, sondern lassen ihnen die Wahl, sich dem Urteil von Altersgenossen zu unterwerfen. Voraussetzung ist, daß es sich um Ersttäter handelt, deren Vergehen nicht zu schwer wiegt und die geständig sind. Dann werden sie von "Staatsanwälten" angeklagt, die selber noch zur High School gehen, und ebenso junge "Verteidiger" treten für sie ein. Eine Jury von Jugendlichen entscheidet über die angemessene Strafe.