Max Weber beherrschte die Klaviatur der Publizistik wie kaum ein anderer Wissenschaftler seiner Zeit. So wußte er auch um ihre schwarzen Schafe: "Es gehört zu den Gepflogenheiten eines Teils der Presse", schrieb er im Oktober 1911 an den badischen Kultusminister Franz Böhm, "von Zeit zu Zeit ihrem Bedürfnis nach irgend einer Sensation rücksichtslos nachzugehen und alsdann alles zu tun, um ihre Leser über das Nichtvorhandensein eines Anlasses dazu zu täuschen." Weber sprach aus eigener Erfahrung. Denn er befand sich mitten in einem erbitterten Gerichtsprozeß mit einer Zeitung, die Unwahrheiten über ihn verbreitet hatte.

Bisher wußte man nur wenig über die Hintergründe dieser Fehde, die sich an einer angeblichen Duellforderung entzündet hatte. Max Webers Briefe aus den Jahren 1911 und 1912, die jetzt in einer vorzüglichen Edition im Rahmen der Weber-Gesamtausgabe vorliegen, erschließen nach den beiden vorangehenden Briefbänden einen weiteren wichtigen Abschnitt seines Lebens. Zudem bieten sie einige überraschende Einblicke - nicht nur in jene Duellaffäre, sondern auch in Webers wissenschaftlich-publizistische Projekte, seine Bemühungen um die Förderung akademischer Außenseiter, seine Stellung zu Richard Wagner und die zarten Anfänge der Musiksoziologie.

Ein Heiligenbild entsteht in diesen Briefen nicht. Sie zeigen Weber als einen ebenso reizbaren wie streitbaren Mann, der keiner Auseinandersetzung aus dem Wege geht und, wenn seine "Ehre als Offizier" berührt ist, sich demonstrativ als Duellanhänger zu erkennen gibt. Als der Philosophiedozent Arnold Ruge die Frauenbewegung als eine Versammlung von kinderlosen "alten Mädchen, sterilen Frauen, Witwen und Jüdinnen" verspottet und damit auch Webers Frau Marianne beleidigt, eine führende Vertreterin der Frauenbewegung, schlägt Weber scharf zurück und versucht, Ruge zu einer Entschuldigung zu zwingen. Aufgrund der heftigen Reaktion Webers kommt es zu einem Gerichtsprozeß. Die Affäre weitet sich aus, als eine Zeitung berichtet, daß Weber eine Duellforderung Ruges mit dem Verweis auf seinen schlechten Gesundheitszustand abgelehnt habe - eine ebenso infame wie ehrenrührige Behauptung. Weber, der in der Tat "jederzeit" zu einem Duell mit Ruge bereit gewesen wäre, diesen aber nicht für satisfaktionsfähig hielt, fordert von der Zeitung eine Gegendarstellung, die ihm jedoch unter Berufung auf einen anonymen Informanten "aus Universitätskreisen" verweigert wird.

Im Laufe der gerichtlichen Auseinandersetzungen gelingt es Weber, die Identität des "Informanten" zu ermitteln: Es ist ein Heidelberger Kollege, der Journalistikdozent Adolf Koch, der sich mit der lancierten Falschmeldung an ihm rächen wollte. Weber geht zwar aus keinem der beiden Prozesse als Sieger hervor, später aber wird sowohl dem intriganten Koch als auch dem misogynen Ruge in einem Disziplinarverfahren die Venia legendi entzogen.

Jeden Tag einen Brief an Marianne

Erst nach dem Ende der Gerichtsprozesse kann Weber sich wieder auf seine wissenschaftlichen Aktivitäten konzentrieren, die zeitweise ganz in den Hintergrund getreten waren. Er widmet sich der Konzeption des "Handbuchs der Politischen Ökonomie", das später den Titel "Grundriß der Sozialökonomik" erhält, eines der ambitioniertesten Wissenschaftsprojekte jener Zeit. Weber akquiriert Autoren, vergibt die Beiträge, verhandelt mit seinem Verleger die Konditionen: Layout, Format, Honorar, Titelgestaltung und Ladenpreis. Die Korrespondenz mit den oft schwierigen Autoren zeigt, welche Mühen mit dem Handbuch verbunden waren, aus dem schließlich auch Webers unvollendetes Hauptwerk "Wirtschaft und Gesellschaft" hervorgeht. Ein Lichtblick ist die Korrespondenz mit seinem engagierten und großherzigen Verleger Paul Siebeck, der die Publikation wie auch andere Projekte nach Kräften unterstützt. Die Briefe lassen erkennen, daß Weber selbst über verlegerisches Talent verfügt: Er ist ein geschickter Verhandlungspartner, vertritt stets den "buchhändlerischen" Gesichtspunkt, sorgt sich um "Correktur-Extra-Kosten", mahnt säumige Autoren und organisiert noch im Urlaub den Korrekturfahnenversand.

Während die akademische Zunft von Mißgunst, Konkurrenz und Neid nicht immer frei ist, erweist Max Weber sich als echter Gentleman. Oftmals verzichtet er bei seinen publizistischen Projekten auf das Honorar und stellt es Bedürftigen oder wissenschaftlichen Zwekken zur Verfügung. Wie kaum ein anderer fördert und protegiert er jüngere - zumeist jüdische - Außenseiter, etwa Emil Lederer, Emil Lask, Robert Michels oder Georg Lukács, oft ohne daß die Betreffenden davon wissen. Obwohl seit Jahren vom Professorenamt entpflichtet, ist Weber ein gefragter Mann, beeinflußt hinter den Kulissen die Vergabe von Lehrstühlen, und zwar nicht nur in seiner eigenen Disziplin, sondern auch in anderen Fächern wie der Philosophie oder Psychologie. Die umfangreiche Korrespondenz zu Berufungsfragen zeigt, in welch beachtlichem Ausmaß er Lehre und Forschung, Personal und Probleme der verschiedensten Disziplinen überblickte. Aus der Soziologie zieht er sich immer weiter zurück. Nach vielen Querelen, die sich an der leidigen Frage der Werturteilsfreiheit entzünden, tritt er im Oktober 1912 aus dem Ausschuß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie aus, da er mit "so klebrigen Insekten wie Hrn Goldscheid" nichts mehr zu tun haben will. Zwei Jahre später tritt er ganz aus der Vereinigung aus.