Wenn von "Fundamentalismus" die Rede ist, dann denkt man an terroristisch-religiöse Fanatiker des Islam, an Massaker in Algerien, an Organisationen wie Hizbullah oder Hamas. In der politischen Debatte wird unter Fundamentalismus vor allem die radikale Ablehnung der Werteordnung westlicher Gesellschaften verstanden. Im heutigen Europa ist man sich einig, den Fundamentalismus als Gegenbewegung zur Aufklärung, zum Projekt der Moderne und zur Rationalität der Institutionen zu begreifen. Ralf Dahrendorf zum Beispiel spricht vom Fundamentalismus als einer mit Händen zu greifenden Anfechtung der Modernität am Ende des 20. Jahrhunderts. Was heißt das für Deutschland? Hans-Gerd Jaschke, Autor verschiedener Bücher über den Rechtsextremismus und Gutachter im Fall Scientology, konstatiert, daß es Fundamentalismus, der begrifflich auch so genannt werde, hierzulande erst seit den siebziger Jahren gebe. Entsprechende Bewegungen zuvor seien Begleiterscheinungen oder Erbe des Nationalsozialismus, des Kommunismus und der frühen Alternativbewegung gewesen.

Der vom Verlag gewählte Untertitel "Gottesstreiter und politische Extremisten bedrohen die Gesellschaft" ist ebenso plakativ wie irreführend, denn der Autor hält sich nicht an den Bezugsrahmen der herkömmlichen Extremismusdebatten. Ihm geht es um die Frage, ob und wie weit sich heute Organisationen, Bewegungen und Kleingruppen im politischen und vorpolitischen Raum von den Fortschrittsmustern der Industriegesellschaft abwenden und alternative Lebensentwürfe praktizieren, die zu einer Gefahr für den Rechtsstaat und die Demokratie werden könnten. Analysiert werden weniger die Strömungen des deutschen Rechts- oder Linksextremismus, aber auch nicht primär Erscheinungsformen von Okkultismus und New Age. In den Blick genommen wird vor allem die Krise nationaler Fortschrittsmodelle im Zeichen allgemeiner Globalisierungstendenzen. Breiten Raum nimmt die aktuelle Auseinandersetzung mit der Scientology ein. Es geht Jaschke um eine exemplarische Analyse, in welcher Weise sich religiös verstehende Sekten politisieren und gegen die Demokratie wenden und in welch geschickter Weise der Angriff auf das System nicht von außen geführt wird, sondern "von innerhalb des Systems selbst".

Die bedrohlichste Form eines "neuen Fundamentalismus", so der Autor, komme als "Marktradikalismus" aus der "Mitte". Er habe seine Anhänger in der politischen Arena, in Vorstandsetagen und Teilen der Publizistik und präsentiere sich als "umfassende, alternativlose Heilslehre". Als politisches und kulturelles Phänomen ist der Fundamentalismus in der Tat kaum trennscharf einzugrenzen. Jaschke skizziert das widersprüchliche Bild zerstörerischer, antidemokratischer Energien auf der einen Seite und innovativer, kritischer korrigierender Potentiale auf der anderen. Das Buch hebt zu Recht hervor, daß aus dem politischen Fundamentalismus totalitäre Diktaturen ebenso hervorgehen können wie ein geschärftes Bewußtsein für Umweltzerstörungen oder die berechtigte Kritik am Verlust identitätsbildender Gemeinschaften.

Wir werden mit dem Fundamentalismus auch in Deutschland leben müssen. Weder Verfassungsschutz noch Political Correctness werden seinen Auftrieb in Zeiten der historischen Umbrüche aufhalten können. Offen jedoch ist die Frage, ob seine zerstörerischen Kräfte Oberhand gewinnen werden oder aber seine innovativen Ideen.

* Hans-Gerd Jaschke: Fundamentalismus in Deutschland Gottesstreiter und politische Extremisten bedrohen die Gesellschaft

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1998

288 S., 29,80 DM