Rumms, das Urteil stand fest, das Werk war geprüft und für krude befunden: "Elenden Mischmasch" bescheinigte Johann Mattheson, unser führender Hamburger Kollege im 18. Jahrhundert, der "Orpheus"-Oper des städtischen Musikdirektors Georg Philipp Telemann. Mattheson, der Päpstliche, sah keinen Anlaß, an seinen Ohren zu zweifeln. Dabei war er 1736, als er sein Attest zum "Orpheus" am Gänsemarkt schrieb, fast taub.

Man mag derlei belächeln

schnoddrige Kritik der historischen Urteilskraft verbietet sich gleichwohl. Auch heutige Leser des Librettos zu "Orpheus oder Die wunderbare Beständigkeit der Liebe" werden zunächst über das seltsame Reglement stutzen, das aus dem Seelen- gleich einen Sprachenkrieg macht. War es dieses linguale Sortiment, das Mattheson die Verderbtheit Babylons erblicken ließ? Mußte "Rache" (im Rezitativ) in der folgenden Bravour-Arie als "vendetta" umherschleudern? Oder ärgerte Mattheson die Ausweichung der Handlung auf ein mythologisch ungesichertes Nebenfeld (die Orpheus-Saga wird hier weniger vom Schicksal gesteuert als von der neurotisch verliebten thrakischen Königin Orasia)? Mag alles sein. Dabei treibt's die Musik noch ärger: ein deutscher Komponist, der französische und italienische Essenzen in die Arien und Ensembles träufelt, wo führt das nur hin?

Es führte nach - Europa. Über jeden läppischen Sammeltrieb war Telemann damals hinaus, ihm schwebte die große, ganzheitliche Lösung vor, die Vermählung von nationalen Schulen und Formen. Jetzt versetzt uns die erste CD-Aufnahme (harmonia mundi France, 2 CDs, 901618.19, Vertrieb: Helikon) auch auf die Ebene sinnlicher Erkenntnis: Was für eine kühne, vollreife, raffiniert opernwirksame Musik! René Jacobs, seinen tüchtigen Solisten Dorothea Röschmann (Orasia), Roman Trekel (Orpheus) und Ruth Ziesak (Eurydike), dem Rias-Kammerchor sowie der Akademie für Alte Musik Berlin sei Dank, daß die Erlesenheit der Musik aus allen Winkeln lugt. Und ihre Psychologie auch: Sonne und Trauer grüßen einander von Pforte zu Pforte.

Genial verletzt wird die Tragödie "Orpheus" durch den Einschub eines Intermezzos, in welchem Randfiguren zu traurigem Frohsinn aufbrechen.

Daß Telemann an seinen Visionen nicht mit heißer Nadel gestrickt hat, merkt man übrigens in den Momenten musikalischer Hochkomik: Wenn Orpheus in die Unterwelt hinabsteigt, Eurydike zu holen, klopfen herrische Pizzicato-Schläge der Streicher an Plutos Tür, der Gott kommt heraus und denkt gleich an Jupiters "Donnerkeil".