Der Berg ist verschwunden. Dort, wo der Dreitausender Aiguille du Midi früher seinen felsigen Gipfel hatte, thront nun eine Seilbahnstation mit Restaurant. Der höchste Punkt mußte einer Sonnenterrasse weichen, von der aus täglich bis zu 5000 Besucher den Mont Blanc sehen wollen. Erst das Luftbild entlarvt das Felsmassiv des Aiguille du Midi als touristischen Rummelplatz, auf dem Natur vollständig beseitigt wurde, damit möglichst viele Menschen sich der Natur nahe fühlen können. Das Bild ist Teil der Ausstellung "Schöne neue Alpen", die im Münchner Stadtmuseum zu sehen ist.

Diese photographische Bestandsaufnahme über die Zerstörung der Alpen hat die Gesellschaft für ökologische Forschung (Frohschammerstraße 14, 80807 München, Tel. 089/359 85 86) zusammengetragen. Die Ausstellung zeigt das Elend der Gebirgswelt in geballter Form: die Alpen als Abenteuerpark für Freizeitsportler, wo die Hochsaison nie endet und der Natur keine Erholungspause gegönnt wird, die Alpen als lästiges Verkehrshindernis, das auf dem Weg von Nordeuropa ans Mittelmeer möglichst schnell überwunden werden soll, die Alpen als Bauerwartungsland oder als Werbekulisse für Bier und Schokolade, während die Postkartenidyllen nur noch in engen Bildausschnitten existieren. Auch die jüngsten Auswüchse der Erlebnisgesellschaft knöpft sich die Gesellschaft für ökologische Forschung vor, etwa die Rockkonzerte auf der Idalpe bei Ischgl, bei denen mehr als 10 000 Besucher den Berg stürmen und das Panorama wie eine virtuelle Zutat der Bühnenshow wirkt.

Die meisten der gezeigten Naturschäden lassen sich weltweit in vielen Urlaubsregionen besichtigen. Doch im Gebirge, wo der Lebensraum eng begrenzt und die Schutzschicht der Erde nur dünn ist, fallen die Sünden besonders auf und am gravierendsten ins Gewicht. Die nächste Stufe der Verschandelung ist deshalb eine Folge der vorherigen. Wo kein Bergwald mehr steht, wächst oberhalb der Dörfer ein eiserner Wald aus Lawinenschutzgittern.

Die Initiatoren der Ausstellung begeben sich aber nicht nur in die Rolle der Ankläger, die ein düsteres Zukunftsszenario entwerfen und Touristen völlig die Lust auf einen Bergurlaub verderben. Sie suchen auch nach Wegen, den Raubbau an den Alpen zu stoppen. "Nicht Alternativen zum Tourismus, sondern im Tourismus lautet die Devise", heißt es in einem Text über das Kärntner Lesachtal. Dort verzichteten die Bewohner auf den Bau von Schleppliften und suchten nach umweltverträglichen und sozial verantwortbare Formen des Tourismus. Sie restaurierten Getreidemühlen und eröffneten alte Handwerksbetriebe neu. Urlauber wohnen auf den Bauernhöfen, und im Kloster Maria Luggau finden Kurse zur "Schule des sanften Reisens" statt. Den Lesachtalern brachten ihre Aktivitäten vor zwei Jahren den Titel "Landschaft des Jahres" ein, der von den Naturfreunden International vergeben wird.

Das Kärntner Konzept kann jedoch nur einzelne Täler vor dem Ausverkauf bewahren, die Folgen des Massentourismus sind so nicht zu vermeiden.

Verschiedene Autoren fordern deshalb, die 1995 in Kraft getretene Alpenkonvention endlich mit Leben zu erfüllen. Das Übereinkommen zum Schutz der Region hat bisher vor allem zu zahlreichen Konferenzen geführt, die Schweiz und Italien haben die Konvention bis heute nicht ratifiziert. Vor allem das seit Jahren diskutierte und noch nicht unterzeichnete Verkehrsprotokoll gilt als Prüfstein für den Willen der Alpenländer, die Zerstörung der Bergwelt aufzuhalten.

Die Ausstellung ist bis zum 4. Oktober im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, zu sehen. Der Eintritt beträgt 5 Mark. Öffnungszeiten: dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20.30 Uhr. Das Begleitbuch "Schöne neue Alpen" ist im Raben Verlag München erschienen und kostet 44 Mark, in der Ausstellung 38 Mark.