Im Grundsatz sind sich die Bundestagsparteien weitgehend einig: Dritte-Welt-Politik muß als Eine-Welt-Politik verstanden werden. Die prinzipiellen Positionen der Parteien lesen sich fast schon wie das Regierungsprogramm einer Allparteien-Koalition in einer schöneren Welt. Der politische Alltag freilich ist davon meilenweit entfernt.

Damit sich der Etikettenschwindel deutscher Entwicklungshilfe nicht wie gehabt fortsetzt, haben die beiden großen Kirchen gerade noch rechtzeitig vor der Wahl Position bezogen. Sie fordern, "den Stellenwert der Einen Welt in der deutschen Politik zu erhöhen". Das tut auch not. Denn in der Ära Kohl wurden sogar die letzten Ansätze einer Politik getilgt, die Entwicklungshilfe auch als Akt der Wiedergutmachung für jahrhundertelange Ausbeutung verstand.

Nicht einmal wohlverstandener Eigennutz hat zu jener entwicklungspolitischen Partnerschaft geführt, die überhaupt erst die Voraussetzung für eine Lösung globaler Probleme schafft.

Um so deutlicher deckt das Positionspapier der "Gemeinsamen Konferenz Kirchen und Entwicklung" den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit deutscher Entwicklungshilfe auf. Einerseits werden zum Beispiel Millionen von Steuergeldern in den Aufbau einer gesunden, überlebensfähigen afrikanischen Viehwirtschaft investiert. Andererseits pumpt die EU aber Rindfleisch zu Dumpingpreisen in diese Märkte. Das ist nicht nur mangelnde Kohärenz der Eine-Welt-Politik, wie die Kirchen beklagen, das ist entwicklungspolitisch kontraproduktiv und skandalös. Der Export EU-subventionierter Nahrungsmittel destabilisiert nur lokale Produktionen und Märkte - und gefährdet die Ernährungssicherheit.

Im Widerspruch zur Entwicklungspolitik steht auch die Außenhandelspolitik.

Während die eine Politik die Exportfähigkeit der Entwicklungsländer fördert, um damit ihre Weltmarktintegration zu flankieren, behindert die andere Politik den Import der Produkte. Noch in der letzten entwicklungspolitischen Debatte dieser Legislaturperiode brüstete sich Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger damit, daß "achtzig Prozent der für Projekte und Programme eingesetzten Gelder in Form von Aufträgen an die deutsche Wirtschaft zurückfließen". Das geschieht keineswegs freiwillig: Mehr als die Hälfte der deutschen Entwicklungsgelder ist an die Bedingung geknüpft, daß damit in Deutschland eingekauft wird. So ist die Bundesrepublik vielleicht gar nicht der "weltweit drittgrößte Geber", wie Spranger gern vorgibt, sondern erstgrößter Nehmer.

Wiederholt hat sich der Haushaltsausschuß des Bundestages über alle Bedenken des zuständigen Fachausschusses hinweggesetzt und Projekte zugunsten der deutschen Exportwirtschaft bewilligt. Eklatantester Fall ist der U-Bahn-Bau in Shanghai. Es bleibt deutschen Unternehmen zwar unbenommen, sich um internationale Großaufträge zu bewerben. Prestigeträchtige Megaprojekte, die sich weder mit Umweltschutz vertragen noch Entwicklung wirklich fördern, sollten jedoch nicht aus Steuergeldern finanziert werden. Im Zweifel trägt eine Entwicklungspolitik, die der heimischen Wirtschaftsförderung dient und sich an der Arbeitsplatzsicherung im Geberland orientiert, sogar zu weiterer Verarmung der Entwicklungsländer bei.