Ach, Sie waren nicht in Aix, um Peter Brooks "Don Giovanni" zu sehen?

Macht nichts, vielleicht erwischen Sie ihn demnächst in Stockholm oder in Mailand. Bei Bob Wilsons Salzburger "Danton" konnten Sie auch nicht dabeisein? Ist nicht weiter schlimm: Ab Herbst läuft die Inszenierung am Berliner Ensemble. Und wenn Sie die neue Theaterperformance von Robert Lepage in Salzburg verpaßt haben, dann ist das kein Malheur. Diese Produktion reist rund um den Globus und gastiert zwischen Toronto, Lissabon und Sydney praktisch überall. Es gibt doch längst so etwas wie ein ideelles Gesamtfestspiel, gleichförmig, ubiquitär und prinzipiell austauschbar: die immergleichen Künstler gastieren mit ihren standardisierten Reiseproduktionen überall dort, wo sich ein Veranstalter bereitfindet, sich an den Produktionskosten zu beteiligen.

So ist das in Zeiten steigender Festivalnachfrage bei sinkenden Kulturbudgets. Immer noch sind Kulturfeste eine europäische Wachstumsbranche.

Vor jeder Stiftsruine, in jedem Kurort, unter jeder Dorflinde entsteht eins - als weicher Standortfaktor, als städtische Erlebnisofferte für den Freizeitflaneur, als Prestigewerbung der smarten Stadt, der schmucken Region.

Gleichzeitig aber schrumpfen die Etats, und die Stars werden auch nicht zahlreicher. Während der Bedarf an Festspielspektakeln (und damit an Künstler-Prominenz) steigt, bleiben die Topmatadore der Kunst eine knappe Ressource, unerschwinglich für die meisten Festivalmacher.

Sofern sie nicht zusammensteuern. Koproduktion ist das Motto. Das einzelne Festival, das sich die Starproduktionen nicht mehr leisten kann, ist zur Kooperation mit seinesgleichen genötigt. Die Wettbewerbslogik würde das singuläre Ereignis erfordern, aber die ökonomische Vernunft erzwingt die Allianz der Koproduzenten. So kommt es zum hybriden Allerweltsfestival: Jeder hat seine eigenen Festspiele, aber alle haben die gleichen.

Salzburg als das (neben Bayreuth) renommierteste, älteste und reichste unter den Großfestivals sollte da die Ausnahme, seine Einzigartigkeit sollte ihm teuer sein. Und doch hat es sich von seinem Schauspielchef Peter Stein getrennt, einem Garanten singulärer Theaterereignisse, die nur dort und nirgends sonst zu haben waren, trennt sich nun von Ivan Nagel und liebäugelt mit Frank Baumbauer. Beides keine Regisseure, beides Koproduzenten, faute de mieux. Von Schauspiel-Exklusivität ist keine Rede mehr. Sie haben Jelineks Walser-Stück in Salzburg versäumt? Kein Problem: Ab Herbst ist es bei Baumbauer in Hamburg im Repertoire. Warum also noch nach Salzburg fahren?