Daß es in Patagonien ziemlich leer sei, sagen alle. Der Einbildungskraft, schrieb Darwin, sei da volle Freiheit gegeben. "Man findet dort nichts", behauptete Borges. Bruce Chatwin beflügelte das semantisch derart dünnbesiedelte Gebiet die "literarische Phantasie". So füllte er seinen Expeditionsbericht über Patagonien mit einer Vielzahl von Anekdoten und Bibliotheksfunden. Außer von der Leere ist darin auch oft von Vorwelt oder Weltende die Rede. Als erzählerische Spiegel taugen solche Zeugnisse kaum, da der befremdete Entdeckerblick darin meist dominiert.

Und doch gibt es schon seit langem einen wahrhaft autochthonen Erzähler dieser Regionen und Landschaften. Er heißt Francisco Coloane und ist bereits ein hochbetagter Mann. Von ihm wußten nicht einmal die beiden Patagonologen Paul Theroux und Chatwin zu berichten, obwohl vermutlich ihr Interesse für diese Weltgegend auch Coloanes hiesige Entdeckung befördert hat. Denn obwohl er in Chile berühmt, ja aufgrund einiger Jugendbücher populär ist - 1964 erhielt er den Nationalen Literaturpreis -, schaffte es dieser Ruhm lange nicht über den Atlantik. Zumal seine Geschichten von feuerländischen Seeleuten und Gauchos weder die "magischen" Erzähltricks noch die Opulenz aufweisen, welche man gemeinhin von lateinamerikanischen Autoren erwartet.

Immerhin aber war 1994 in Frankreich der Erzählungsband "Feuerland", der seit zwei Jahren auch auf deutsch vorliegt, ein Riesenerfolg.

Nun hat der Zürcher Unionsverlag, wiederum in der stimmigen Übersetzung von Willi Zurbrüggen, einen weiteren Band mit Erzählungen herausgebracht: "Kap Hoorn". Das ist jenes Buch, mit dem Coloane 1941 sein literarisches Debüt gab. Und damit, betont sein jüngerer Kollege Luis Sepúlveda, bereicherte er die vorwiegend an europäischen Vorbildern orientierte chilenische Literaturszene um ganz ungewohnte Tonlagen und Sujets. Kein Wunder! Geboren 1910 auf der Insel Chiloé, ist Coloane der Sohn eines Walfängers

seine tatkräftige Mutter wußte sich bei Fischern und Seeleuten Respekt zu verschaffen. Coloane selbst arbeitete ebenso auf Schiffen wie auf jenen riesigen Estancias, wo es nichts gibt außer Pferden, Schafen und Landschaft.

Dann war er Journalist, und in Zeitungen veröffentlichte er auch erstmals seine Geschichten.

Darin geht es zwar auch um die Leere und das Ende der Welt, doch sind das hier mehr als nur Benennungen. Vielmehr beschreibt Coloane genau, was dort mit den Menschen passiert, er schildert die Wege und Fahrtrinnen, die Kanäle und Buchten an diesem kontinentalen Rand, wo der patagonische Zustand noch einmal auf die Spitze getrieben ist, dort, zwischen Magellanstraße und Beaglekanal, auf einsamen Außenposten und winzigen Inseln. Selbst von Weltkriegen dringen dorthin nur Gerüchte. Natürlich sind das existentielle Randzonen, Schauplätze für unterkühlte Daseinsparabeln, und davon geprägt sind auch Wesen und Erfahrungsweisen der hier portraitierten Figuren. Wie alle Randgänger bewegen sie sich auf einer schmalen Spur. Einerseits werden sie von der Kargheit der Lebensumstände gleichsam in ein paar notwendige Verhaltensmuster hineingepreßt. Andererseits kann es schnell geschehen, daß sie ausrasten oder abstürzen. Wie etwa jener Leuchtturmwärter auf einer sturmumtosten Insel, der nach Tagen des Hungerns auch bereit ist, seinen Kameraden umzubringen. Oder der Vorarbeiter einer Estancia, den die Einsamkeit in einen grausamen Wahn treibt. Oder der alte Kapitän, der nur auf Schiffsplanken existieren kann und sich dort als Herr über Leben und Tod seiner Matrosen aufführt.