LIVE AT LEEDS

Immer schneller arbeitet die Umwälzpumpe der populären Musik. Immer mehr Material wird aus den Archiven von Plattensammlern, Privatleuten und Museen geborgen und in digital gesäuberter Form auf den Markt geworfen. Es scheint, als ob unsere Kultur kurz vor der Jahrtausendwende noch einmal eine Generalrevision ihrer kumulierten Werte unternehme. So werden Klänge hörbar, die lange Zeit verschollen waren oder die nie über ihren Entstehungsort hinausdrangen. Geschichte wird gemacht. Es geht zurück: Wer immer in diesem Jahrhundert eine Platte aufgenommen und wenig Resonanz gefunden hat, bekommt jetzt die historische Chance zum Zweitauftritt.

Zum Beispiel der schottische Troubadour und Folk-Revolutionär John Martyn.

Seit dreißig Jahren ist er in der britischen Musikszene unterwegs. Unzählige Gallonen hochprozentiger Getränke hat er in dieser Zeit in seinem Körper versenkt. Der hübsche goldgelockte Junge aus dem Norden ist ein fünfzigjähriger korpulenter Mann geworden, dem man jederzeit den Maurerpolier abnehmen würde.

Der äußerlichen Verwahrlosung entspricht seit den achtziger Jahren auch eine gewisse Liederlichkeit seiner Musik: ein leidenschaftsloses Tralala, ein kunstloses Weitermachen aus dem Geist der Resignation. Das schmerzt, denn davor, in den röhrenden Siebzigern, war John Martyn ein Feuergeist, der die Lunte an den englischen Folk gelegt hatte und ihn zum Explodieren brachte.

Das große Platten-Recycling gibt uns jetzt die Chance, diesen großen Moment noch einmal zu erleben. Ähnlich wie der Jazz-Erneuerer John Coltrane hatte John Martyn als Mann der Tradition begonnen und sich dann, Schritt für Schritt, aufs Hochplateau der avanciertesten Klänge emporgearbeitet.

Coltranes meisterhafte Befreiungsplatte hieß "Ascension" und erschien 1965.