Reutlingen

Schon immer wurde gemunkelt, das Handy, auf gut englisch mobile genannt, verdanke seinen Namen der scharfsinnigen schwäbischen Frage: Hän die koi Schnur? Im schwäbischen Reutlingen überzeugt nun ein großangelegter Crashkurs von jenem entscheidenden Vorteil: Anfang August ist die zentrale Vermittlungsstelle der Telekom niedergebrannt, 54 000 Festanschlüsse sind hinüber. Seitdem ist die Stadt berühmt für ihre toten Strippen.

Bis auf die Gebührensoftware hat das Feuer so ziemlich alles zerstört.

Schlagartig waren in Stadt und Umland Telephone, Faxgeräte, Datenautobahnen, Geldautomaten und Computer lahmgelegt. Einen Alarm mit direktem Draht zur Feuerwehr gab es nicht und auch keine Löschautomatik. Jetzt müssen die Telekom-Techniker in mühevoller Kleinarbeit neue Schaltkreise stecken. Zuerst waren Krankenhaus, Polizei und Feuerwehr dran. Doch die heile Telephonwelt wird wohl erst nach rund drei Wochen wiederhergestellt sein.

Im Ausnahmezustand drängt alles nach draußen. Boten jagen durch die Stadt, Freunde wie Fremde suchen sich unangemeldet heim, und der Pizza-Service um die Ecke bangt um die Existenz. Der Reutlinger General-Anzeiger, die Amtsblätter und Lokalradios machen Handy-Nummern publik, in den Dörfern ringsum leuchten nachts die Höfe und signalisieren: Wir haben ein Handy!

Nachbarn helfen einander, und Nichtreutlinger philosophieren: endlich wieder menschliche Nähe, frische Luft und ein Mittagsschlaf ohne Telephonklingeln.

Ein kleiner Schnitt für Reutlingen, ein großer Schritt für die Menschheit.