Mehr als ein Jahrzehnt tat Byron Rushing im Landesparlament von Massachusetts seinen Dienst, ohne aufzufallen. Der Abgeordnete saß in ein paar Ausschüssen und agi-tierte gegen die Apartheid in Südafrika. Über die Grenzen seines Wahlbezirks in Boston hinaus war Rushing kaum bekannt.

Das änderte sich schlagartig, als er 1996 ein Gesetz durchs Parlament boxte, das den Bundesstaat zu Sanktionen gegen Myanmar verpflichtete. Hohe Beamte im Washingtoner Außenministerium merkten auf, Diplomaten europäischer Botschaften wußten plötzlich von Rushing. Apple, Eastman Kodak und Hewlett-Packard änderten ihre Geschäftspolitik.

Er habe, sagt Rushing, auf die Diktatur im früheren Burma aufmerksam machen wollen - so, wie ein paar Jahre zuvor auf den Rassismus in Südafrika. Es machte nichts, daß kaum ein Dutzend der 160 Abgeordneten in Massachusetts überhaupt wußte, was in dem asiatischen Land passiert. Rushings Sanktionen wurden Gesetz. Seither bekommen Unternehmen, die in Myanmar Geschäfte machen, in Massachusetts keine Staatsaufträge mehr.

Die Aktion des Abgeordneten aus dem amerikanischen Nordosten ist Teil eines Trends. Von Städten in Kalifornien über Kreise im mittleren Westen bis hin zu den Hallen des Senats in Washington ist Amerika vom Sanktionsfieber befallen.

Auf Burma haben es nicht nur Massachusetts, sondern auch die Gemeinden Ann Arbor, Boulder und Santa Monica, der Kreis Alameda und fünfzehn weitere lokale Regierungen abgesehen. Nigeria zog sich den Zorn von Amherst, Berkeley und Oakland zu. Auch die Vergangenheit wird mit Wirtschaftssanktionen aufgearbeitet: Chicago, New Jersey und New York erwägen, einige Schweizer Banken wegen ihrer Naziverwicklungen zu boykottieren und abzustrafen.

Zu den Zwangsmaßnahmen der Gemeinden und Regionen kommen die Sanktionen des Bundes. Zwar wächst die Kritik an der Praxis Washingtons, unliebsame Staaten mit Embargos, Handelsbeschränkungen, dem Verbot von Investitionen oder einer Einschränkung bilateraler Hilfen zu maßregeln. Aber seitdem Bill Clinton 1992 das Zepter im Weißen Haus übernahm, haben die Vereinigten Staaten insgesamt 61mal zum Knüppel von Boykott und Pression gegriffen. Etwa siebzig Nationen und die Hälfte der Weltbevölkerung ducken sich unter US-Sanktionen - zum Teil als außenpolitische, zum Teil als handelspolitische Strafaktion, die auch befreundete Staaten wie Kanada oder Japan zum Objekt der Vergeltung macht.

Dreißig weiteren Ländern hat der Kongreß Strafmaßnahmen angedroht. Sanctions overkill, befand das Wall Street Journal.