Gastwirt Jürgen H. handelte stets nach dem Motto: "Viel Feind, viel Ehr'." Einst verbannte er mit einem kollektiven Hausverbot alle Bewohner des Elbdorfes Fliegenberg aus seinem Fährhaus, jetzt steht der 59jährige Gastronom, nicht zum Mißvergnügen einer schadenfrohen Dorfgemeinschaft, im letzten Akt seiner Karriere als Fährhauswirt vor dem Amtsgericht in Winsen - beschuldigt, seinen Gästen verdorbene Speisen gereicht zu haben.

Der Justiz ist der Mann gut bekannt. Jürgen H. fährt gern Auto, ohne einen gültigen Führerschein zu besitzen, und wurde vor einigen Monaten verurteilt, weil er Gäste in Geiselhaft genommen hatte: Nach Unstimmigkeiten über die Höhe der Rechnung hatte er kurzerhand Erzwingungshaft für zwei Besucherinnen angeordnet und die Damen in eine Kammer seiner Wirtschaft eingesperrt.

In seinem Lokal mit herrlichem Elbblick brauchte Herr H. auf Stammkundschaft keinerlei Rücksicht zu nehmen. An schönen Wochenenden drängten sich immer neue Ausflügler auf der Terrasse, egal, was ihnen serviert wurde. Doch wiedergekommen sei bei dem keiner, höhnen die Nachbarn. Tatsächlich hätte die von Jürgen H. praktizierte Form der Gastfreundschaft selbst anspruchsloseste Esser abschrecken müssen. Wer auf der Terrasse speisen wollte, durfte auf Anweisung des Chefs seinen Teller auch selbst hinaustragen, Service wurde hier bei Preisen von bis zu siebzig Mark für ein Hauptgericht für überflüssig erachtet.

Die Leistungen der Küche waren derart, daß der Patron vom Aushilfskoch Dieter W. schließlich angezeigt wurde. Der 58jährige Zeuge konnte, was da an kulinarischen Verbrechen begangen wurde, nur wenige Tage ertragen. Schon an seinem ersten Arbeitstag glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Da sollte er die Spezialität des Hauses, "Stint satt", zubereiten, doch "verfaulte, fast flüssige" Fische habe er braten müssen, beschwert sich der Zeuge vor Gericht. Der ganze Mist habe in den "Schweineeimer" gehört.

Der Wirt war nicht so ein Sensibelchen wie seine Aushilfe. Er befand, das Zeug sei für seine Gäste gut genug. Dabei habe der "Schiet" schon derb nach Ammoniak gestunken, erinnert sich Herr W. Der durch und durch matschige Gammelfisch sei ihm teilweise von der Gräte getropft: "Da sollte ich einfach mehr Pfeffer nehmen." Das habe der Wirt so angeordnet. "Ich trage hier die Verantwortung", soll Herr H. geschnaubt haben. Doch davon will er heute nichts mehr wissen. Angestrengt blickt er während der Verhandlung zum Fenster hinaus. "Dummes Zeug" und "absurde Unterstellungen" der bösen Nachbarn, findet Herr H.

Bei ihm kam so schnell nichts um. Den alten Fisch könne man noch einmal überbraten, soll der Angeklagte befohlen haben. Zurückgegangene Speisen und Reste sollen, ruckzuck, wiederverwertet worden sein. Eingerührtes Zuckerwasser brachte frischen Glanz in angetrockneten Kartoffelsalat. Auch einem kleinen Nebenverdienst war Herr H. nicht abgeneigt, billige Rotzunge adelte er auf seiner Karte zur edlen und teuren Seezunge. Küchenmeister Roland S. bestätigt als Zeuge die schmierigen Küchensitten.

Die Richterin mag diese Praktiken kaum glauben. "Aber das schmeckt man doch!"