Die einst mächtigen britischen Gewerkschaftsbosse haben gelernt, wie man sich in schlechten Zeiten dennoch siegreich darstellt: Man schraubt die Erwartungen herunter, dann erzielen auch Kleinigkeiten einen Achtungserfolg.

So machte es kürzlich der Chef des Gewerkschaftsbundes TUC, John Monks. Er informierte die Presse darüber, daß er beim Premierminister war - und daß dabei "alle Argumente angehört" wurden.

Doch Monks kann kaum verheimlichen, daß Gewerkschaften in der britischen Politik heute so wenig zu sagen haben wie selten zuvor - und daß Tony Blair statt dessen den Klassenfeind an die Schaltstellen der Macht gelassen hat.

Der Premier räumte bei seiner jüngsten Kabinettsumbildung mächtig auf und schickte sogar treue Gefährten in die Wüste - doch eine Gruppe konnte sich zu den klaren Gewinnern zählen: britische Busineß-Vertreter. Gegen Tony Blair und sein Team der Regierungsmanager sind Gerhard Schröder und Jost Stollmann bloß ein müder Abklatsch.

Der jüngste Aufsteiger in der britischen Administration ist Lord Sainsbury, ehemals Chef der gleichnamigen Supermarktkette und wahrscheinlich der reichste Mann auf der Insel. Sainsbury hatte schon im vergangenen Jahr seinen Job an den Nagel gehängt und wurde ein Labour-Abgeordneter im Oberhaus. Der Dank kam vor wenigen Wochen: Der Premier beförderte ihn zum Staatssekretär für wissenschaftliche Fragen im Wirtschaftsministerium. Sainsbury trifft dort auf einen anderen Exmanager: Lord Simon, ehemals Chef des Mineralölkonzerns British Petroleum (BP). Simon ist schon seit Blairs Amtsantritt Staatssekretär für Handel und Wettbewerb. Ärgerlich war Sainsburys Ankunft bloß für den Multimillionär und Exunternehmer Geoffrey Robinson, nun Staatssekretär im Finanzministerium (Paymaster General): Der hielt bislang den informellen Titel als "reichster Mann im Kabinett". Aber der Supermarktboß hat eindeutig mehr auf dem Konto.

Andere Chefs dürfen in Teilzeitarbeit mithelfen. Im Frühjahr verkündete die Regierung die ersten Teile ihres Arbeitsmarktprogrammes - und zuvor hatte Martin Taylor, Chef der Barclays-Bank, dafür Labours Reformpläne für die Sozialabgaben zugeliefert. Peter Davis, der Chef der Versicherungsgruppe Prudential, leitete nebenbei auch eine Arbeitsgruppe zur Wohlfahrtsreform. In den knapp achtzig bisher gegründeten "Arbeitsgruppen", "Projektgruppen" und Komitees Labours - etwa zur Wettbewerbspolitik und zum Jahr 2000, zum Jugendstrafrecht und zur Alphabetisierung - sitzen zu einem großen Teil Geschäftsleute, und häufig haben sie den Vorsitz. "Lassen Sie Lehrer, lokale Verwaltungsbeamte oder gewählte Gemeindevertreter ran, und Sie bekommen Faulheit und Ineffizienz", spottete die linke Wochenzeitschrift New Statesman. "Nehmen Sie Lebensmittelhändler, und alles ist in Ordnung."

"Gute Leute bringen auch gute Ergebnisse zustande", sagt Lord Simon, der BP-Mann im Wirtschaftsministerium. Doch eine Umstellung sei der Wechsel in die Politik für ihn schon gewesen. In den neunziger Jahren rettete er British Petroleum durch eine schwere Flaute und wurde in der Geschäftswelt gefeiert, jetzt pendelt er ständig zwischen seinem Büro im funktional eingerichteten Wirtschaftsministerium und einem düster-muffigen Zimmerchen im Oberhaus hin und her. Er mußte erst mal ein neues Handwerk erlernen: das des Politikers, der ständig öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden kann und sich neben Sachfragen auch um das Parteiengezänk kümmern muß.