Diplomatische Talente und politisch sensible Köpfe sind im Vorstand der Münchner Allianz AG gefragter denn je. Seit dem Frühjahr 1997 ist kaum eine Sitzung vergangen, ohne daß die Manager des weltgrößten Versicherungskonzerns sich mit der Geschichte befassen mußten: mit dem düstersten Kapitel der Firmengeschichte - den Verstrickungen der Allianz in die nationalsozialistische Diktatur.

Anwälte von Holocaust-Opfern haben den deutschen Versicherungsriesen und andere europäische Assekuranzunternehmen vor einem New Yorker Bezirksgericht verklagt. Die Konzerne, lautet der Vorwurf der Juristen, hätten sich in der Nachkriegszeit geweigert, Lebensversicherungen von Verstorbenen, Ermordeten und Verschollenen auszuzahlen. Die Policeninhaber und ihre Erben verlangen nun Wiedergutmachung - in zweistelliger Milliardenhöhe.

Die Sammelklage in Amerika hat die ganze Branche aufgeschreckt. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, durchstöbern die Versicherungsunternehmen seither ihre Archive. Allein beim Colonia-Konzern in Köln haben rund zwei Dutzend - zum Teil eigens zu diesem Zweck eingestellte - Mitarbeiter monatelang Aktenordner durchgeschaut.

Die Sachlage ist kompliziert: Verschwundene Papiere, längst liquidierte oder veräußerte Unternehmen, nicht mehr bediente Versicherungsprämien und strittige Verjährungsfristen führten dazu, daß sogar Stabsstellen global operierender Konzerne den Überblick verlieren.

Klar scheint nur zweierlei: Ein einzelner Versicherungsnehmer wäre angesichts dieser logistischen und juristischen Hindernisse kaum in der Lage gewesen, seine Rechte durchzusetzen. Und die Ansprüche der Holocaust-Überlebenden und ihrer Erben sind deutlich niedriger, als es die milliardenschwere Klage in den Vereinigten Staaten suggeriert. Marktführer Allianz hat nach einer gut einjährigen Suchaktion "zwölf Anspruchsberechtigte gefunden, denen entsprechende Zahlungsangebote unterbreitet worden sind". Unter anderem wurde eine internationale Anzeigenkampagne gestartet und eine Telephon-Hotline eingerichtet. Wie ein Sprecher des Unternehmens weiter mitteilt, haben acht Betroffene die jeweilige Offerte akzeptiert: "Die höchsten Beträge, die wir hierbei zahlen, belaufen sich auf bis zu 10 000 Mark."

Eine Kommission soll nun klären, wer Ansprüche hat

Während die gegnerischen Anwälte noch erbittert darum streiten, ob ein New Yorker Bezirksgericht für dieses Kapitel europäischer Geschichte überhaupt zuständig ist, hat die Auseinandersetzung eine neue politische Dimension bekommen. Unter dem massiven Druck amerikanischer Politiker und jüdischer Organisationen sind inzwischen große Versicherungsunternehmen (unter anderem Allianz, Generali, Zürich-Gruppe) prinzipiell bereit, der Gründung eines unabhängigen Gremiums zuzustimmen.