Berlin

Wenn nicht alles täuscht, fällt die Entscheidung über das geplante Holocaust-Mahnmal nicht mehr vor der Bundestagswahl. Die Koalition der Gegner ist breit und bunt. Wer will das Mahnmal eigentlich noch außer Helmut Kohl und Lea Rosh?

Der quälende Entscheidungsprozeß wäre dann an sein schlechtestes Ende gekommen - und Berlin, der Ort, von dem die Vernichtung der europäischen Judenheit betrieben wurde, bliebe ohne Mahnmal, jedenfalls ohne eines im Rang einer nationalen Gedenkstätte. Der Versuch wäre gescheitert, daß sich Deutschland im Zentrum seiner Hauptstadt seiner Schuld stellt.

Die Argumente sind ausgetauscht - und natürlich ist nachvollziehbar, was gegen die vier letzten Entwürfe einzuwenden ist. Zu monumental, den ästhetischen Anforderungen nicht entsprechend, schwer zu bewachen. Aber ist es wirklich besser, gar kein Denkmal zu haben, als eines, mit dem man nicht ganz zufrieden ist? Es ist doch mit Denk- und Mahnmalen fast immer so, daß sie erst im Lauf der Jahre und Jahrzehnte zu dem werden, was sie einmal im Gedächtnis eines Volkes darstellen. Und was wäre ein Kunstwerk wert, das keinen Widerspruch auslöst?

Nach den jahrelangen Auseinandersetzungen auf allen denkbaren intellektuellen und politischen Ebenen muß es jetzt eine Entscheidung geben. Wer für ein Nein plädiert, hat die Konsequenz zu bedenken. Einmal das internationale Echo, aber wichtiger noch: das Signal an die nachwachsende Generation. Die würde wieder einmal feststellen: Deutschland stellt sich noch immer nicht seinem größten Verbrechen.

Gehen wir für einen Moment von einem definitiven Nein beziehungsweise der "Denkpause" aus, als die man diese Entscheidung sicher zu bemänteln versuchen wird. Alles beginnt dann von vorne: Ausschreibung, Wettbewerb, Jury - jahrelanger Stillstand. Doch, was sollte geschehen, da der politische Wille für das Mahnmal jetzt einfach nicht vorhanden ist? Ich meine: Bund und Land müßten sich sofort dazu bekennen, was an die Stelle des gescheiterten Projekts treten sollte.

Wer organisiert, daß den realen Stätten der Judenvernichtung von Sachsenhausen in der Nachbarschaft bis Auschwitz in der Ferne wirklich, wie in diesen Tagen so oft versprochen, mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird? Wer gibt das Geld für die Instandhaltung der historischen Gebäude? Wer entwirft die Programme für Klassenfahrten und Bildungsreisen? Und in Berlin - wer kümmert sich um ein Netzwerk der verschiedenen Museen, Dokumentationszentren, Gedenkorte, von der "Topographie des Terrors" über das "Haus der Wannsee-Konferenz" bis zur Spiegelwand von Steglitz, ein Netzwerk, das im Stadtbild genauso sicht- und spürbar wird, wie es das "zentrale" Mahnmal gewesen wäre?