Brandenburg und Berlin

Wenn nur die Fische nicht rübermachen würden. Der Groß Glienicker See im Südwesten von Berlin ist geteilt - wie damals, als die DDR-Grenze das Gewässer in der Mitte zerschnitt. Heute, genau 37 Jahre nach dem Mauerbau, ist das Verhältnis zwischen den Anglern vom jeweils anderen Ufer so gespannt, daß Fanggründe und Territorien demnächst wieder durch Demarkationsbojen gesichert werden. Wo sich Angler aus Ost und West direkt ins Gehege kommen, herrscht Kalter Krieg, und auch die beiden Verbände können zueinander nicht kommen. Zu tief ist der ideologische Graben.

Wenn Wolfram Ludwig seine Angler vom Westufer in See stechen läßt, bekommen sie die Warnung schriftlich: "Die ehemalige DDR-Grenze ist zu beachten." So steht es auf ihren Angelkarten. Das bedeutet: Im Drüben fischen streng verboten! Drüben ist heute Brandenburg. Drüben herrschen andere Gesetze und der Deutsche Anglerverband (DAV), der im Osten "das Erbe der früheren Arbeiteranglerorganisationen" angetreten hat.

Verlorene Fische, verhärtete Fronten. Das freut den Kormoran

Seit drei Generationen fischt Ludwigs Familie mit Reusen und Stellnetzen im Groß Glienicker See. 1926 begannen sie als Pächter, 1978 kaufte Gastwirt Wolfram Ludwig, was nach der Teilung vom See übrig war. Seitdem hat er pro Jahr für mindestens 5000 Mark Aale, Hechte, Karpfen und Zander aus westdeutscher Zucht ins Grenzgewässer gesetzt. Immer auf die Gefahr, daß die Fische "Republikflucht" begehen und dank des Schutzes der Nationalen Volksarmee für immer im "roten Meer" abtauchen. Als die Mauer fiel und die Grenzbojen aus dem Wasser gefischt wurden, sah Ludwig seine Chance gekommen: Endlich wollte er den Fischen uneingeschränkt nachjagen. Doch das Bundesforstamt schrieb den Ostteil öffentlich aus. Am meisten bot der Landesanglerverband Brandenburg des DAV, die Petrijünger aus dem Osten bekamen den Zuschlag.

Sie warten zwar immer noch darauf, daß ihr Pachtvertrag unterschrieben wird, doch sobald die Sache offiziell ist, wird gehandelt: "Wir wollen die Grenze wieder sichtbar machen", sagt Hauptgeschäftsführer Erwin Müller, "nicht weil das die alte DDR-Grenze ist, sondern um die Angler vor Ordnungswidrigkeiten zu schützen. Wir brauchen hier keinen Stacheldraht, sondern Markierungsbojen." Aber es geht nicht nur um den Schutz der Wessis, die im Osten ohne gültigen Schein und damit als Fischfrevler unterwegs sind, es geht um Pfründen: "Das mit dem Besatz muß geregelt werden", kündigt Müller an.

"Wir schmeißen doch keine Fische ins Wasser, die der Herr Ludwig nachher mit Netzen und Reusen fängt und in seiner Gaststätte verkauft!" Verlorene Fische, verhärtete Fronten.