Bonn

Michael Naumanns Ablehnung einer zentralen Berliner Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas fügt der Debatte um das Mahnmal eine ironische Note hinzu. Solange Gerhard Schröder die Erklärung seines designierten Kulturministers zuläßt, muß man vermuten, daß der Kanzlerkandidat der SPD ebenfalls gegen ein solches Mahnmal ist. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hat zu Recht darauf hingewiesen, daß Naumanns Erklärung mit der Tradition Deutschlands nach dem Kriege bricht. Die Erinnerung an den Holocaust war, oft gegen erbitterte Opposition, stets ein wichtiges Thema der nationalen politischen Diskussion.

Naumann und somit auch Schröder brechen auch mit der Erinnerungstradition der Sozialdemokratischen Partei. Es gehört zum besonderen Beitrag der SPD nach 1945, die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden ins Zentrum der westdeutschen politischen Debatte gestellt zu haben. 1947 war Kurt Schumacher der erste Nachkriegspolitiker in Westdeutschland, der öffentlich die Wiedergutmachung für die jüdischen Überlebenden des Holocaust unterstützte.

Das half Konrad Adenauer, die Gesetze zur Wiedergutmachung durchzusetzen, trotz gespaltener Meinung in seiner CDU.

Als Deutsche in den fünfziger Jahren verlangten, einen Schlußstrich unter die Nazivergangenheit zu ziehen oder ihr eigenes Leiden während des Krieges mit dem der Juden verglichen, betonten SPD-Führer wie Carlo Schmid die Einzigartigkeit des Massenmordes an den Juden. Von Ernst Reuter und Adolf Arndt bis zu Willy Brandt und Helmut Schmidt haben Führer der Nachkriegs-SPD immer wieder stolz, und vermutlich auf Kosten vieler Stimmen, das Gedenken an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden wachgehalten.

Im Gegensatz dazu haben Konservative von Adenauer bis Kohl, obwohl sie gute Beziehungen zu Israel unterstützten, ein Hauptaugenmerk auf die Integration von desillusionierten oder einfach opportunistischen ehemaligen Mitgliedern der Nazipartei gelegt

sie sprachen öfter davon, "endlich" die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um "endlich" eine "gesunde" oder "normale" nationale Identität zu ermöglichen. Diese Tendenzen fanden ihren traurigen Tiefpunkt im moralischen Desaster von Bitburg.