Um alles in der Welt wollte Birgit Breuel (CDU) eines vermeiden: daß ihre Expo 2000 ausgerechnet in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes für negative Schlagzeilen sorgt. Doch seit vergangener Woche ist die einstige Treuhand-Chefin und heutige Geschäftsführerin der Expo GmbH um diese Hoffnung ärmer. Ein mit internen Horrorzahlen gespickter Artikel der Illustrierten stern hat die Diskussion um die Weltausstellung in Hannover erneut entfacht.

Erstmals mußte Birgit Breuel öffentlich die Möglichkeit einräumen, daß die Monsterschau ein Verlustgeschäft werden könnte. Auf 385 Millionen Mark rechnen ihre Experten in einer publik gewordenen Studie das finanzielle Risiko hoch - bei gleichzeitigen Mehreinnahmen von 140 Millionen. Insider beziffern den drohenden Verlust inzwischen bereits auf bis zu eine Milliarde Mark. Kein Ruhmesblatt für die ehemalige niedersächsische Finanzministerin, die in ihrer Not wenigstens auf eine Befreiung von etwa 256 Millionen Mark Umsatzsteuer auf die veranschlagten Ticket-Erlöse hofft.

Der "Fetisch schwarze Null" (FAZ) erweist sich einmal mehr als Knackpunkt der Renommierveranstaltung zu Beginn des neuen Jahrtausends. Ohne die trügerische Aussicht, daß sich die erste Weltausstellung auf deutschem Boden allein aus Eintritts- und Sponsorengeldern finanzieren läßt, hätten sich der Bund und das Land Niedersachsen, mit vierzig und dreißig Prozent größte Teilhaber der Betreibergesellschaft, um den Zuschlag kaum beworben. Jetzt könnte sich dieser Geburtsfehler bitter rächen. Denn die Wirtschaftlichkeitsrechnung der Expo beruht auf außerordentlich optimistischen Erwartungen. Von den geplanten drei Milliarden Mark Ausgaben sollen allein 1,6 Milliarden Mark in Form von Eintrittsgeldern wieder zurückfließen. Dazu müßten zwischen dem 1. Juni und dem 31. Oktober 2000 nicht weniger als vierzig Millionen Besucher (fast 260 000 pro Tag) nach Hannover strömen. Der Tagesrekord der diesjährigen Cebit-Messe lag bei 118 000. Dabei verließen sich die Veranstalter auf Zahlen der Münchner Unternehmensberatung Roland Berger. Kämen jedoch, etwa durch einen verregneten Sommer, permanente Staumeldungen oder eine schlechte Presse, "nur" dreißig Millionen, würde dies bereits ein Loch von mehreren hundert Millionen Mark reißen. Überdies konkurrieren die Ticketverkäufer bei der weltweiten Werbung um Besucher mit den als massentouristische Events geplanten Millenniumsfeiern in Weltmetropolen von Paris bis New York.

Die Lebenslüge der Expo, daß eine Milliardenveranstaltung ohne öffentliche Mittel finanzierbar ist, basierte außer auf einer äußerst optimistischen Besucherplanung vor allem auf großzügigen Sponsorenbeiträgen aus der Wirtschaft. Eine Milliarde Mark aus Partnerverträgen mit deutschen und internationalen Unternehmen sind auf der Einnahmeseite eingeplant. Davon sind 340 Millionen inzwischen gesichert Verhandlungen über ein Volumen von weiteren 150 Millionen stehen, wie es in Hannover heißt, teilweise kurz vor dem Abschluß. Mit Daimler-Benz als "Weltpartner" (Eintrittsgeld in die höchste Sponsoren-Liga: dreißig Millionen Mark) wird die Expo-Chefin kommende Woche einen dicken Fisch an Land ziehen. Dennoch dürfte es mit dem Erreichen des hochgesteckten Ziels "eng werden", wie ein Mitglied des Expo-Aufsichtsrates fürchtet.

Bis heute steht ein erheblicher Teil der deutschen Wirtschaft dem Projekt äußerst reserviert gegenüber. Das Konzept der Veranstalter, daß insgesamt 176 Länder und internationale Organisationen ihre Lösungsvorschläge für die großen Zukunftsprobleme unter dem Motto "Mensch - Natur - Umwelt" präsentieren, erscheint vielen Unternehmen nicht als idealer Rahmen zur Selbstdarstellung. So sorgte vergangene Woche ein Papier der Beteiligungsgesellschaft der Deutschen Wirtschaft GmbH für Aufsehen, die mit zwanzig Prozent bei der Expo GmbH engagiert ist: Es spricht sich offen für einen radikalen Kurswechsel aus. Mehr Sponsoren und Besucher würde das Leitmotiv "Übergang vom Maschinenzeitalter zur Informationsgesellschaft" locken, so der Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft, Wilfried Prewo, der dem Aufsichtsrat angehört.

Beides zusammen, die selbstgestellte Finanzfalle der Expo-Manager und eine anhaltende Konzeptkonfusion, droht dem Prestigeprojekt 660 Tage vor der Eröffnungsfeier irreparablen Schaden zuzufügen. Auf dem Spiel steht das Ansehen des ganzen Landes: Einladende ist die Bundesrepublik Deutschland.

Helmut Kohl persönlich machte seinen Einfluß in Washington geltend, um die zögerlichen Amerikaner zur Teilnahme zu bewegen. Gleich nach der Wahl dürften die verantwortlichen Politiker also kaum umhinkommen, sich des leidigen Themas anzunehmen und für eine ungeschönte Finanzplanung zu sorgen - mit allen Konsequenzen für den Steuerzahler. Einen Politikwechsel in Sachen Expo muß Birgit Breuel nach dem 27. September kaum befürchten: Sowohl Helmut Kohl als auch sein Herausforderer Gerhard Schröder aus Niedersachen wollen eine erfolgreiche Weltausstellung.