Die Deutschen der Hitlergeneration nannte Arthur Koestler einmal "Mimophanten". Darunter verstand er Kreuzungen aus hochsensiblen Mimosen, die echte Tränen über den Tod ihrer Schäferhunde vergießen konnten, und dickhäutigen Elefanten, denen auch das schlimmste Leid, solange es Fremden zugefügt wurde, nichts ausmachte. Moderne Nationen, so scheint es, werden immer wieder durch solche psychischen Zwittergestalten geprägt, wenngleich die Mimophanten gewiß ein Extremfall waren.

Das erste Motiv der beiden von Ulrich Beck herausgegebenen Sammelbände kann in der Erwartung gesehen werden, daß die doppelbödige moralische Unterwelt, auf der die Nationalstaaten der Moderne beruhen, durch die kosmopolitischen Kräfte der Globalisierung allmählich weggespült wird. Das zweite Motiv besteht in der Hoffnung, daß sich jenseits der hinfällig gewordenen Nationalstaaten eine supranationale Oberwelt von Institutionen formieren möge, die die globalen Kräfte, die man gegen den Staat herbeirief, wieder bändigen soll. Zusammengenommen bilden diese beiden Motive den roten Faden der beiden Bücher über die "Globalisierung", die Beck in einer ausführlichen Einleitung als die neue "Große Erzählung" der Gegenwart in Szene setzt.

Globalisierung wird damit zum Losungswort einer neuen Welle der Theoriebildung, deren Pioniere nicht mehr im Deutschland der Kritischen Theorie oder im Frankreich der Postmoderne sitzen, sondern in Britannien, das neuerdings wieder groß aussieht.

Die meisten der mehr als zwei Dutzend Autoren, die der Herausgeber versammelt hat, stimmen ihm darin zu, daß der Kern der Globalisierung in einer Bewegung der "Entterritorialisierung" besteht. Wirtschaft, Politik und Lebensstile drängen über die Grenzen der alten Nationalstaaten hinaus

niemand ist mehr zu Hause - und doch ist jeder kommunikationstechnisch erreichbar. Immer mehr passiert nicht nur gleichzeitig, sondern auch am selben Ort, ohne daß unser Denken und Handeln auf den Kollaps der Distanzen vorbereitet wäre. Plötzlich wird es eng auf der Welt, nicht wegen des Bevölkerungswachstums, sondern aufgrund dieses kulturellen Effektes der anscheinend unausweichlichen Annäherung alles Fremden und Fernen. Der indisch-amerikanische Anthropologe Arjun Appadurai beobachtet zudem das umgekehrte Phänomen: das kulturelle Fern- und Fremdbleiben von Mitbürgern und Nächsten, die als Einwanderer in den Westen gekommen sind, ohne doch je den mediengestützten "ethnischen Raum" verlassen zu haben, der sie imaginär in ihrer virtuellen Heimat weiterleben läßt.

Ralf Dahrendorf sieht in solchen Trends der Enträumlichung des Sozialen keinerlei Anlaß zum Optimismus. Die unvermeidbare Globalisierung gefährde den sozialen Zusammenhalt der Bürger und steigere mit den endlosen Kommunikationsmöglichkeiten zugleich deren Konsequenzlosigkeit. Becks Metapher von den Staaten als "Container" suggeriert bereits etwas von der wechselseitigen Indifferenz derjenigen, die in ihnen zusammengewürfelt nebeneinanderherleben wie in überfüllten U-Bahn-Waggons. Dieses Gefühl nimmt paradoxerweise in dem Maße zu, wie die Wände der Container durchlässiger werden.

Der Engländer Martin Shaw ergänzt solche Überlegungen, indem er auf das Risiko verweist, daß es gerade der Verlust räumlicher Distanz sein könnte, der soziale Distanzierungsprozesse verstärkt. Andererseits haben die emotionalen Fähigkeiten vieler Bürger zugenommen, am Schicksal entfernter Dritter teilzunehmen und nicht nur Mitleid zu empfinden, sondern sich auch zu engagieren. Zugleich wird jedoch der Schluß nahegelegt, daß die durch elektronische Medien miterzeugte Anteilnahme am Leid der Bewohner entfernter Krisengebiete vielfach leerläuft, weil es zwischen den Staaten keinen Konsens über die Möglichkeiten wirksamer Intervention gibt.