Vockerode

Kürzlich mußte der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker einen Leserbrief an die FAZ schreiben und folgende Behauptung in einem Leitartikel richtigstellen: Sachsen-Anhalt sei ein Land von geringer wirtschaftlicher und kultureller Substanz und schwach ausgeprägter Identität. Weizsäcker schrieb: "Zweifellos trifft die Aussage für die Wirtschaft des Landes zu", aber, korrigierte er den Leitartikler, bei Sachsen-Anhalt handele es sich "um eine unserer ältesten Kulturlandschaften. Hier haben die salischen Kaiser Handel, Bergbau und Künste zu hoher Blüte geführt, von hier ging eine ganz Mittel- und Osteuropa prägende Rechtsentwicklung aus (Sachsenspiegel). Hier wirkten Luther, die Familie Bach, Cranach ... Trotz Kriegszerstörungen und jahrzehntelanger Vernachlässigung gibt eine Reise durch das Land und der Besuch von Städten wie Nauenburg, Halle, Wittenberg, Quedlinburg, Halberstadt, Magdeburg und Tangermünde einen unübertrefflichen und unersetzbaren Begriff von den Ursprüngen deutscher politischer und kultureller Identität."

Er hat ja so recht, der Altbundespräsident. Und der Altbundesbürger, wenn er sich denn endlich aufmacht, die neuen Bundesländer zu entdecken ("Sind die Hotelbetten zumutbar?"), wäre beschämt, erstaunt und entzückt zugleich, auf was für reiche Landschaften er dort trifft, reich an Geschichte und Geschichten.

Altbundesbürger, fahr nach Vockerode. Du kannst es nicht verfehlen! Nimm die A 9, und du siehst bei Dessau, unmittelbar an der Elbe, die vier riesigen Türme eines stillgelegten Kraftwerks. Dorthin mußt du, und du erlebst die am besten komponierte kulturhistorische Ausstellung, die in diesem Sommer in deutschen Landen zu sehen ist. Da würde auch der große Ausstellungsmacher Christoph Stölzl, Chef des Historischen Museums Berlin, nicht widersprechen.

Zwei Jahre lang hat eine Gruppe von Historikern aus den neuen und den alten Bundesländern diese Schau erarbeitet, die schlicht "mittendrin" heißt, aber auch nicht besser heißen könnte. Es ist der gelungene Versuch, die Geschichte Sachsen-Anhalts, gegliedert in ein Dutzend Themenbereiche anhand von zum Teil ganz exquisiten Exponaten, darzustellen. Das Besondere aber ist der Ort.

Nicht ein Kloster, wie die Sachsen es für ihre zur selben Zeit laufende Landesausstellung bevorzugen, sondern eine stillgelegte Dreckschleuder - das berühmt-berüchtigte Elbekraftwerk.

Wie ein Gigant gegen die Vergeßlichkeit