Auch im globalen Dorf treffen sich Leute zum Schwatzen. Die elektronische Variante des Dorftratsches findet schriftlich statt, in E-Mails, Newsgroups und Chat-Kanälen. Und während offline noch heftig über die Rechtschreibreform diskutiert wird, gelten im Netz nur zwei Regeln: "Sag's mit eigenen Worten" und: "Schreib, wie du sprichst".

Internet-Nutzer formulieren pragmatisch, sie schrecken vor Abkürzungen, Artikellosigkeit und Wortneuschöpfungen nicht zurück. Vieles, woran sich die Diskussion über die Rechtschreibreform entzündet hat, etwa die radikale Kleinschreibung, wird online unspektakulär angewandt: "Wenn ich maile, dann schreibe ich alles klein, nicht nur die persönliche Anrede", sagt der Wiener Germanist Peter Andreas Plener. Eine Gewohnheit, die längst nicht mehr als antiautoritäre Geste verstanden wird.

Nicht alle Surfer im globalen Dorf verwenden die gleiche Sprache, geschweige denn den gleichen Dialekt. Aber alle kennen Strategien, um Mißverständnisse zu vermeiden. Sie treffen sich an Plätzen, die jeder kennt und die so gestaltet sind, daß alle sich zurechtfinden. Deren Ästhetik ist zum Kulturkennzeichen geworden, und in diesem Rahmen haben sich neue Zeichen gebildet: Etwa die mit quergelegtem Kopf zu lesenden Symbolketten, die Gefühle ausdrücken sollen und Emoticons genannt werden.

Die Online-Welt zieht immer mehr Netzsurfer an - damit hört die Dörflichkeit der Internet-Sprache auf, der Ballungsraum beginnt. Die darin vorherrschenden Assoziationswelten sind so urban wie das Leben der meisten User, sie unterliegen Moden und sind schnellebig.

Paul Sappler, Sprachhistoriker aus Tübingen, nennt diese individualisierte Schreibe eine "Schreibkultur mit Verfallsdatum". Mit ihrer zeitlich begrenzten Haltbarkeit und ihren vielen Wortneuschöpfungen sei das Idiom des Internet geradezu eine Geheimsprache. - "Chat-Insider wollen sich ständig von Outsidern abgrenzen", erklärt auch der Reutlinger Marcel Heyne, der Chat-Konzepte für deutsche Gesprächskanäle zusammenstellt.

Weithin akzeptiert sind die inoffiziellen Regeln für die Netzkommunikation, die "Netiquette". Deren Hauptregel lautet: "Seid nett zueinander!" Rechtschreib-Besserwisserei ist schon darum verpönt; jeder soll schreiben, wie er möchte. Ein anderer Grund dafür: die Netzplauderei kommt wie das Internet aus den USA. Dort geht es multisprachlich zu. Italiener, Mexikaner und Russen, sie alle hacken ihr Englisch in den Computer. Indem sie ihrer je eigenen Sprachlogik folgen, bringen sie die Sprachnorm ins Wanken. Experimentierlust ohne Debatte über richtig und falsch, das Netz eröffnet und seine Nutzer verteidigen diesen Freiraum.

Das virtuelle Land Internet beteiligt sich nicht an der Rechtschreibreform. Was für die Schule gilt, muß nicht auch im Internet so sein. Denn hier ist die Sprache eingebettet in andere Informationsträger: Farbe, Bild, Ton, Musik, Bewegung. Auf Websites ist der Text nur ein Werkzeug der Kommunikation. Deshalb reicht oft ein Stichwort oder eine bildreiche Assoziation aus, um ganze Zusammenhänge verständlich zu machen.