Im Trauerspiel vom Präsidenten und der Praktikantin läßt die befreiende Schlußszene weiter auf sich warten. Der Vorhang und viele Fragen bleiben offen. Mit seinem öffentlichen mea culpa und nach dem Auftritt vor der Ermittlungskammer hat Bill Clinton versucht, die Last der Lewinsky-Affäre endlich abzuschütteln. Er wird weiter daran tragen müssen. Nicht nur stehen die Entscheidung der Geschworenen und der Bericht des Sonderermittlers aus. Auch die politische Grand Jury, das amerikanische Volk, hat das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Seine hohen Popularitätswerte mögen dem Präsidenten Absolution versprechen. Aber er kann sich nicht darauf verlassen. Mit seinem halbherzigen Geständnis hat Clinton die öffentliche Meinung vollends in zwei Lager gespalten. Hier die Mehrheit, die von der Peinlichkeit endloser Ermittlungen befreit werden möchte und sich deshalb mit Clintons Büßergeste zufriedengibt. Dort die Minderheit, die sich nach seinem Fernsehauftritt in ihrer Abneigung, wenn nicht Verachtung gegenüber dem "aalglatten Willi" bestätigt fühlt und Strafe verlangt. Diese Frontlinie garantiert eine Fortsetzung des Dramas.

Daran sind nicht allein die Republikaner interessiert, die den beliebten Präsidenten und damit die Demokratische Partei in die Knie zwingen wollen. Auch die Medien wünschen sich noch viele Kapitel der Geschichte von Sex und Macht. Gemeinsam mit einer selbstbewußten Justiz bestimmen sie die Debatte. Und neuen Stoff bieten Clintons Einlassungen zur Genüge. Reicht sein Eingeständnis von einer "unpassenden Beziehung", um ihn aus der Meineidsfalle ("Ich hatte kein sexuelles Verhältnis mit dieser Frau") zu befreien? Hat der nun ertappte Lügner andere zum Meineid verführt, sich der Verschwörung und der Behinderung der Justiz schuldig gemacht? Die Vier-Minuten-Beichte enthielt mehr Beschuldigungen als Schuldbekenntnisse, der reuige Sünder verwandelte sich schon bald in einen Ankläger. Aber hat er Aussicht auf Erfolg, wenn er gegen die Schnüffeleien in seinem persönlichen Umfeld wettert? Ein Präsident, das müßte er inzwischen wissen, hat nun einmal kein Privatleben, er ist öffentliches Gut.

Weil Charakter nicht justitiabel und Moral ein schwankender Maßstab ist, wird Clinton sein Heil jetzt im Kampf um die Seele seiner Landsleute suchen. Sie sollen ihm vergeben, daß er sie schon oft mit halben Wahrheiten und Ausflüchten abspeiste. Sie sollen Mitleid mit dem Mann empfinden, den die Justiz seit vier Jahren gnadenlos verfolgt, ohne ihn je zu überführen. Bisher hat es der Präsident geschafft, sein Amt auch ohne ein stabiles Fundament an Glaubwürdigkeit zu führen. Mit einer moralischen Anstalt wird das Weiße Haus offenbar nicht mehr verwechselt. Doch der Bericht des Sonderermittlers und die Untersuchung des Skandals um Wahlkampfspenden - hat China sich Einfluß auf die Präsidentschaft erkauft? - stehen Clinton noch bevor. Er braucht deshalb gute Meinungsumfragen (oder einen Sieg seiner Partei bei den Kongreßwahlen im November), um innenpolitisch handlungsfähig zu bleiben.

Als Außenpolitiker kann der Präsident weiter mit Respekt rechnen. In den meisten Ländern der Welt werden die Washingtoner Säuberungen nur noch mit Kopfschütteln verfolgt. Der Staatsgast Clinton dürfte fast überall willkommen sein. Der Krisenmanager hat es schwerer. Nicht nur verweigert der Kongreß Unterstützung. Solange Skandale die Aufmerksamkeit der Amerikaner fesseln, sind auch sie kaum für auswärtige Engagements zu gewinnen. Amerikas Zögern im Kosovo und im Irak gilt bereits als Menetekel. Eine gelähmte Weltmacht wäre angesichts der Schwächeanfälle Asiens und Rußlands ein Verhängnis.

Die Welt braucht Amerika, doch ein Ende der fanatischen Selbstreinigung ist nicht in Sicht. Wird Clinton dennoch führen können? "Präsident zu sein", hat Harry Truman einmal gewarnt, "heißt, einen Tiger zu reiten." Er müsse oben bleiben, um nicht gefressen zu werden. Bisher hat sich Bill Clinton an diesen Rat gehalten. Er kämpft darum, aus einer bedrohten Präsidentschaft heraus die Initiative zurückzugewinnen. Zu seinem Glück neigt nicht allein die Politik zu Opportunismus. Auch das Volk ist dagegen nicht gefeit. Trotz moralischer Bedenken werden die Amerikaner deshalb ihren Präsidenten unterstützen, solange seine Ägide weiteren Wohlstand verspricht.