Das wahre Leben ist virtuell. In Moskau ist das Internet der wichtigste Treffpunkt für die junge Avantgarde:

Der Hund, heißt es, sei der beste Freund des Menschen. Wenn Olja Lialina abends von der Metro nach Hause läuft, wird sie auf dem Weg durch die urwaldartigen Grünanlagen zwischen den Wohnblöcken oft von einem ganzen Rudel wilder Hunde begleitet. Hunde haben sich in der russischen Hauptstadt in den vergangenen Jahren unkontrolliert vermehrt, sie leben von Abfällen oder dem Mitleid der Anwohner. Im Winter, als es in Moskau mehr als dreißig Grad Minus waren, ließ Olja einmal einen streunenden Hund nachts ins warme Treppenhaus. Insgeheim rechnete sie damit, einen treuen Begleiter zu gewinnen, doch wiedergesehen hat sie das Tier seitdem nicht.

Oljalia, der User-Name der 27jährigen, ist die russische Variante von "oh, là, là!". Und das kommt nicht von ungefähr: Die Moskauerin ist eine der wichtigsten Internet-Künstlerinnen. Sie gilt als Pionierin der sogenannten net.art, einem Genre, das vor gut zwei Jahren plötzlich auf den Bildschirmen auftauchte und die Kunstwelt zwischen Sydney und New York, Kassel und Linz immer noch frappiert. Net.art braucht keine Museen oder Ausstellungsräume, diese Kunstform existiert nur mit Hilfe und innerhalb des Internets. Technisch gesehen handelt es sich um Projekte im Programmcode Hypertext Markup Language (HTML) - nicht zu verwechseln mit gescannten Bildern oder digitalisierten Videos, wie sie zuhauf aus der Off-line-Welt ins Netz importiert werden. Mit Design hat net.art ebenfalls wenig zu tun, im Mittelpunkt der Arbeiten steht das Vernetzen der Maschinen und welches Potential daraus resultiert.

Wie Olja Lialina kommen die meisten der Internet-Künstler der ersten Stunde aus Osteuropa, und das ist sicherlich alles andere als ein Zufall: Auf dem Trümmerhaufen großangelegter, staatlich kontrollierter Kulturpolitik, vor dem Hintergrund eines wahnwitzigen Neoliberalismus und der operettenhaften Kleinstaaterei ist net.art weit mehr als nur eine Spielerei mit moderner Computertechnik. "Weil sich im Alltag die Reformversprechungen für nur wenige erfüllen, gibt es nichts Süßeres als die Flucht vor der Realität", sagt Olja ironisch. In die virtuelle Vielfalt mit ihren vorerst unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten mischt sich ein Aufbegehren gegen die schlechten Verhältnisse. Und manchmal auch ein wenig der Wunsch nach einer besseren Welt, die das Internet nicht sein kann.

Olja Lialina lebt mit ihrer Mutter und ihrer fünfjährigen Tochter im zwölften Stock eines Wohnhauses am nördlichen Rand der Innenstadt. Vom Fenster ihrer Zweizimmerwohnung kann sie weit über die Zehnmillionenstadt schauen und hatte bis vor kurzem sogar freien Blick auf den Kreml. Der Lärm der Begowoj, einer achtspurigen Ausfallstraße, mischt sich hier oben mit dem Kläffen der Hunde und klingt fast wie das Rauschen eines Modems.

Die meiste Zeit des Tages verbringt Olja vor dem Computer, zwischendurch beantwortet sie E-Mails, die aus aller Welt kommen: Kommentare und Reaktionen auf ihre Projekte, Einladungen zu Vorträgen, Konferenzen und Ausstellungen, Interviews sowie Absprachen mit Kollegen und Technikern. Im vergangenen Frühjahr gewann sie den Hauptpreis eines brasilianischen Computerkunstfestivals, im Winter bereitet sie sich auf ein zweimonatiges Stipendium in der Villa Waldberta am Starnberger See bei München vor. Dazwischen lehrt sie zwei Wochen an einer Kunstakademie in Norwegen und arbeitet mit Alexej Aigij zusammen, einem der wichtigsten russischen Komponisten für elektronische Musik. Die beinahe permanente Ortsnetzverbindung, die in Deutschland ein kleines Vermögen verschlingen würde, kostet in Moskau nichts, und darauf basiert ein Großteil des Booms, den die gesamte Internet-Gemeinde der russischen Hauptstadt in der letzten Zeit erlebte.

Moskau, titelte das Time Magazine, sei zur Zeit die "hipste Stadt" der Welt. Zumindest die teuerste Stadt dürfte sie mit Sicherheit sein. Ein Bier in einem Lokal kostet umgerechnet rund dreißig Mark und selbst im Supermarkt noch fünf. Der Eintritt in Diskotheken liegt zwischen dem monatlichem Mindestlohn und dem allgemeinen Rentenniveau, Mieten für Altbauwohnungen im Zentrum sind so hoch wie in Paris, New York oder Tokio. Junge Menschen wohnen deshalb nach wie vor bei ihren Eltern, bis sie heiraten oder eine eigene Familie gründen. Abends ausgehen heißt, sich in Parks, Metro-Schächten oder Privatwohnungen treffen, denn die wenigen Kneipen und Cafés werden fast ausschließlich von Neureichen und Touristen belegt.