Zwei Dutzend Frauen und ein paar Männer warten in einem Unterstand vor dem Bahnhof von Northampton auf einen Bus. Die hier versammelte Weiblichkeit ist mehrheitlich um die vierzig Jahre alt und hat ihr Make-up zu dick aufgetragen. Eine Dame trägt von der Stirntolle bis zum Augenaufschlag Diana-Look.

Ein Jahr ist seit dem Tod der Prinzessin vergangen. Der Sommer ist verregnet. Nach den Enttäuschungen bei der Fußballweltmeisterschaft und in Wimbledon feiert England ein Unentschieden der Cricketmannschaft gegen Südafrika wie einen Sieg. Die Regierung sorgt für Skandale. Eine Rezession kündigt sich an. Alles ist so wie immer.

Man mußte sein Ticket Monate im voraus über eine Hot line buchen. Drei, vier Tage lang versuchte ich es, bis ich durchkam. Anfang Februar traf dann ein Brief des Grafen Spencer ein, der mit "Dear Mr Luyken" begann und mit dem Satz endete: "Ich hoffe, Ihr Besuch in Althorp wird Sie davon überzeugen, daß Diana in ihrem Zuhause eine Ruhestätte gefunden hat, an der ihre sterblichen Überreste angemessen aufbewahrt werden und wo ihr Andenken für immer fortlebt."

Bei näherem Hinsehen entpuppte sich die Unterschrift des Grafen als Computergekrakel. Zwei Monate später trafen eine offizielle "Einladung" und das Ticket ein. Es ist hellblau, fälschungssicher und mit dem silbernen Familienwappen versehen. Es kostete neun Pfund und fünfzig Pence, umgerechnet knapp dreißig Mark.

Am Ende werden es 150 000 Menschen gewesen sein, zweieinhalbtausend Besucher pro Tag, die vom 1. Juli bis zum 30. August in den Park eingelassen wurden, um der Prinzessin "die letzte Ehre zu erweisen". Sie ist auf einer von einem künstlichen See umgebenen Insel begraben. Aus dem dichten Grün der Insel ragt eine viktorianisch anmutende Säule auf. Am Ufer des Sees steht ein Tempel. Links von einem darin eingelassenen Schattenrißbild der Prinzessin ist ihr Leitspruch in Marmor eingemeißelt: "Nichts bringt mir größeres Glück, als den Bedrängten zu helfen. Das ist das Ziel und die Berufung meines Lebens. Wer immer in Not ist, kann mich rufen, und ich werde zu ihnen eilen, wo immer sie sind."

Die kleine Sally bringt Diana ihre Ballettschuhe dar, als Opfergabe

Den ganzen Tag zieht der Menschenstrom an dem Tempel vorbei. Die geduckte und bis in die Knochen konservative Mittelschicht Englands; die Menschen aus den Reihenhaussiedlungen und aus den Doppelhaushälften an den schmutzigen Ausfallstraßen der großen Städte, die in roten Ford Sierras und blauen Vauxhall Astras hierhergekommen sind; die schweigende Mehrheit, die letztes Jahr Tony Blair ins Amt wählte und die beim nächsten Mal wieder konservativ wählen wird. Schlaffbäuchige Gestalten mit schwammigen Tränensäcken unter wasserblauen Augen. Männer in Jeans, Reeboks und Lederjacken, Frauen in Schlabberhosen und bedruckten T-Shirts. Manche schieben greise oder behinderte Angehörige in Rollstühlen vor sich her.