Fünf Rechner regieren die Welt. Was passiert, wenn sie verrückt spielen oder in falsche Hände geraten?

Tschemodantschik - der digitale Kriegsherr

Alles ganz simpel also, auch im Wodkarausch ist dieses Technik gewordene Stück nuklearer Abschreckungslogik noch ohne Probleme zu bedienen - schließlich wurde das gute Stück Ende der siebziger Jahre konzipiert, also zum potentiellen Gebrauch für den damals bereits reichlich senilen Leonid Breschnjew. Wie die Planwirtschaft so spielt, war das erste Modell des Koffers erst 1983 einsatzbereit, also zwei Staats- und Parteichefs später. Seitdem gilt immer derjenige als der mächtigste Mann der Sowjetunion beziehungsweise Rußlands, der im Besitz des Köfferchens ist. Russische Zeitungen verbreiten auch die Information, daß der Koffer von Samsonite ist. Sicher ist jedenfalls, daß er erst ein einziges Mal in Alarmbereitschaft war: im Januar 1995, als eine vor Norwegen abgefeuerte amerikanische Rakete (ein wissenschaftliches Experiment, wie sich später herausstellte) auf russischen Radarschirmen für Unruhe sorgte. Jelzin traf nach der Aktivierung des Koffers die richtige Entscheidung: nicht zurückzuschießen. Sonst wäre das symbolische Gepäckstück jetzt wohl nicht mehr in seiner Hand.

Worst-case-Szenario: Der Koffer gerät in die Hände eines cholerischen, unterbezahlten russischen Generals oder eines antiwestlichen, psychisch labilen Premierministers. Oder: Tschetschenische Terroristen rauben das Gerät und bedrohen die Welt mit startklaren Atomraketen. Die Frage ist, ob die Offiziere in den Silos die Raketen vor Ort schnell genug entschärfen können. Aus russischer Sicht: Pakistan, China oder Indien schießen einen Marschflugkörper auf Rußland ab - und der Koffer funktioniert im entscheidenden Moment nicht. Oder er funktioniert, aber der Präsident tippt aus Versehen einmal zu oft, und die Bombenzünder werden folglich wieder blockiert.

EDS - der wahre Big Brother

Kein Geheimdienst der Welt könnte jemals so viele Daten über so viele Menschen zusammentragen wie die Firma Electronic Data Services (EDS). Es gibt wirklich nicht viel, was ein Parksünder in Madrid, ein Sozialhilfeempfänger in Los Angeles, ein Kreditkartenbesitzer in Leipzig und ein Grundschullehrer in Neapel gemeinsam haben. Aber eines eben schon: EDS verarbeitet ihre Daten. Beim Sozialhilfeempfänger außer dem Namen noch den Fingerabdruck, beim Kreditkartenbesitzer außer der Bankverbindung ein Photo. Mit fünfzehn Milliarden Dollar Jahresumsatz ist die Firma einer der Marktführer auf dem weltweit boomenden Sektor der Datenverarbeitungsdienstleistungen. Da viele Firmen und Behörden komplizierte Computerprojekte (etwa die Umstellung auf den Euro) nicht mehr selbst bewältigen, werden Firmen wie EDS angeheuert. Für Visa und für Master Card, für Lufthansa und die BBC, für das amerikanische Verteidigungsministerium und für das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg speichert, sichert und verarbeitet der Konzern gigabyteweise Informationen; allein über das EDS-Rechenzentrum in Rüsselsheim wechseln täglich sechzig Milliarden Mark den Besitzer.

Die Stärke der Firma ist die Integration vieler Computer zu einem funktionierenden Ganzen. Mit General Motors (bis 1995 Eigentümer von EDS) entwickelte die Firma das StarOne-System. Schlüssel im Wagen gelassen? Kein Problem. Ein Anruf bei General Motors, und über Funk wird aufgesperrt. Kein Bargeld mehr? Nach Druck auf den grünen Knopf am Lenkrad meldet sich eine freundliche Stimme aus Michigan, die weiß, wo der nächste Geldautomat ist. Die Stimme meldet sich auch selbsttätig, zum Beispiel, nachdem sich der Airbag aktiviert hat, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Oder wenn das Auto aufgebrochen wurde, um sich zu erkundigen, wer denn da am Steuer sitzt. Bei Bedarf wird die Polizei gerufen. Für Banken hat EDS den Falcon Observer entwickelt, ein nützliches Programm, das alle Kontobewegungen überwacht, um chronische Schuldner und andere riskante Gestalten aus dem Datenozean herauszufischen.