Wissen Politiker nicht mehr weiter, gründen sie in aller Regel eine neue Kommission, vorzugsweise eine, die nach der Zukunft sucht. Die Berufung des ehemaligen Kohl-Rivalen Lothar Späth zum Vorsitzenden eines Gremiums, das den Kanzler in entsprechenden Fragen beraten soll, allein schon deshalb als letztes Aufgebot der Union zu bezeichnen, geht jedoch fehl. Indem Kohl das "Cleverle" berief, hat er spät, aber nicht zu spät einen Coup gelandet, der Herausforderer Gerhard Schröder noch zu schaffen machen wird.

Der Chef von Jenoptik, der den ehemaligen VEB-Betrieb zu einem börsennotierten High-Tech-Unternehmen verwandelt hat, ist eine Persönlichkeit, die sich mit Schröders designier- tem Wirtschaftsminister Jost Stollmann (siehe Seite21) messen kann. Seine politische Erfahrung ist zudem ein nicht zu unterschätzendes Pfund, mit dem der Profi Späth zu wuchern weiß. Das werden seine politischen Gegner bald zu spüren bekommen. Stimmenzuwachs für die im Osten bröckelnde Union ist gewiß, zumal dann, wenn auch noch der andere Kohl-Rivale, Sachsens Regierungschef Kurt Biedenkopf, eingebunden wird.

Nun ist Späth sogar im Bonner Kanzleramt gelandet, wenn auch in anderer Funktion. Das Echo aus den Wirtschaftsverbänden fiel durchweg positiv aus. Späths unternehmerische Qualitäten werden geschätzt, seine politischen Fähigkeiten sind unbestritten. Daß Baden-Württemberg heute führender Technologiestandort ist, geht auf seine dreizehnjährige unorthodoxe Amtszeit in Stuttgart zurück. Dort wurde jedenfalls umgesetzt, was Zukunftsdenker angestoßen haben.

Mit Lothar Späth im Schlepptau hat Helmut Kohl die Bundestagswahl zwar noch nicht gewonnen, spannender wird sie allemal.