Expedition nach Tibet – Seite 1

Lhasa - Tibet zur Regenzeit: Die Toyota-Jeeps der deutschen Bundestagsdelegation stecken fest, umspült vom braunen Schlamm des Gangdiseshan-Gebirges am Rücken des Himalaya. Über Hunderte von Metern versinkt die Fahrspur in den schäumenden Fluten des Kyichu-Flusses. "Rita Süssmuth würde hier umkehren", warnt ein deutscher Diplomat. Antje Vollmer winkt zur Weiterfahrt.

Tibet-Expeditionen haben eben nach wie vor den Reiz von Erstbesteigungen, heute allerdings weniger für Alpinisten als für Politiker. Letztere erklimmen das "Dach der Welt" in jüngster Zeit immer häufiger, um von dort lautstark den chinesischen Kolonialismus zu verdammen. Peking erlaubt es ihnen zähneknirschend.

Um so außergewöhnlicher gestaltet sich die Reise nach Dadung. Antje Vollmer, grüne Vorzeigepolitikerin und Bundestagsvizepräsidentin, kann den Bauersfrauen über die Schulter gucken. Sie sieht, wie sie in mühseliger Handarbeit traditionelle tibetische Gewänder und nicht etwa rote Fahnen spinnen, sie kann die Kinder der Familien zählen - drei, vier, fünf -, um die Vorwürfe gegen die chinesische Geburtenkontrolle hier an Ort und Stelle widerlegt zu haben, sie kann die Hütten der Bauern betreten, in denen die Bilder des von den chinesischen Besatzern verjagten Dalai-Lama hängen. Im Dorfkloster oben am Hang beten ununterbrochen sieben buddhistische Mönche für das irdische Wohl der siebenhundert Seelen von Dadung: "Nichts geschieht hier ohne ihren Segen", erklärt die 43jährige Bürgermeisterin. Da geht ein Ruck durch den Gast aus Bonn: "Weil das Dorfleben so ist und über achtzig Prozent der Tibeter betrifft, ist der Begriff vom kulturellen Genozid falsch", beobachtet Vollmer.

Diesen Begriff hat der Dalai-Lama, exilierter Gottkönig der Tibeter und Friedensnobelpreisträger, höchstpersönlich geprägt: Eine Milliarde Chinesen sollen an viereinhalb Millionen Tibetern in der Volksrepublik "kulturellen Völkermord" begehen. Diese These prägt auch die westliche Tibetkritik an China. Wie kommt nun ausgerechnet Antje Vollmer dazu, diese Kritik zu dämpfen? Als eine der populärsten weiblichen Führungsfiguren der Grünen befaßt sie sich - statt Wahlkampf zu machen - mehr denn je mit dem ungelösten Lieblingsthema der verstorbenen Parteigründerin Petra Kelly: Sie war eine der ersten, die die Solidarität zum Dalai-Lama entdeckte.

Hinter dem scheinbaren Verrat an der tibetischen Sache verbirgt sich jedoch in Wahrheit ein heimlicher Dialogansatz. Vollmer möchte Exiltibetern und Chinesen, die nur in den achtziger Jahren eine kurze Zeit der Annäherung auf dem Verhandlungsweg verband, grüne Konzepte für eine Verständigung unterbreiten. "Ich suche das Nadelöhr, durch das der Dalai-Lama zurück aus dem Exil in seine Heimat kehren kann", sagt die Theologin. Sie steht auf dem Dach des Jokhang-Tempels in Lhasa.

Kein Ort ist den Tibetern heiliger. Vor den Mauern verrichten die Pilger ihr Lama-Gebet. Tausende sind es täglich. Sogar in der Erntezeit strömen die Bauern aus weit entfernten Dörfern herbei, beten für den Dalai-Lama und seine Rückkehr. Zwar dürfen dessen Bilder auf chinesischen Befehl nicht öffentlich aufgehängt werden. Doch der Exilregent, der religiöse und weltliche Macht gleichermaßen verkörpert, hat in jedem Tempel sein Ebenbildnis, den Gott des Mitleids, und in jedem Kloster seinen Aufenthaltsort. Allgegenwärtig ist er. Nur die neuangesiedelten Chinesen, die jetzt Schätzungen zufolge zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Bevölkerung der "Autonomen Region Tibet" stellen, wollen nichts vom Dalai-Lama wissen.

Was aber will und kann eine Grüne in Peking bewirken? Konrad Seitz, deutscher Botschafter in China, tat denn auch im vergangenen Jahr noch manches, um Antje Vollmer von ihrer Tibet-Diplomatie abzuhalten. Doch bei Vollmers zweiter Peking-Lhasa-Reise innerhalb eines Jahres ist alles anders: Der Wind in der chinesischen Hauptstadt hat sich gedreht. Plötzlich ist Tibet zu einem Thema avanciert, dessen Bedeutung kein ranghoher chinesischer Politiker mehr negiert.

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Mit Bill Clintons Besuch in China kam Ende Juni der öffentliche Durchbruch: Auf der live übertragenen gemeinsamen Pressekonferenz des chinesischen und des amerikanischen Präsidenten ging Jiang Zemin von sich aus auf die Tibet-Problematik ein und stellte einen Dialog mit dem Dalai-Lama in Aussicht. So ist Vollmer zum richtigen Zeitpunkt nach Peking gekommen. Als erste westliche Politikerin kann sie, nun mit einem engagierten Seitz an ihrer Seite, die neue Tibet-Offenheit der KP Chinas ausloten und eigene Vorschläge unterbreiten.

Jetzt zahlt sich aus, daß die Grüne ihre Tibet-Offensive langfristig vorbereitet hatte. 1995 veranstaltete sie den ersten offiziellen Empfang für den Dalai-Lama im Bundestag. Gegenseitiges Vertrauen verbindet die Parlamentarierin und den Geistlichen seither und wird durch die gemeinsame Freundschaft mit dem tschechischen Präsidenten Václav Havel verstärkt. Doch Vollmer weiß auch, daß die exiltibetischen Forderungen nach der weitgehenden Unabhängigkeit Tibets und der Wiederherstellung einer großtibetischen Provinz nicht nur unrealistisch, sondern auch rückwärtsgewandt sind.

Darauf baut ihr unausgesprochenes Tibet-Konzept: das Konkordat, den Vertrag zwischen Staat und Geistlichkeit. Bis tief in die römische Geschichte holt die Vortragsrednerin beim Pekinger Institut für internationale Studien aus, um den Chinesen die in Europa nur unter großen Opfern entstandene Idee eines Kompromisses zwischen Politik und Religion vertraut zu machen. Knapp spricht die Grüne vom "Vatikan-Modell". Darauf darf sich jeder selbst einen Reim machen: Doch gemeint ist ein mit Garantien für die Unabhängigkeit der religiösen Institutionen ausgestatteter Dalai-Lama ohne politische Macht, der von Lhasa aus auch die zweieinhalb Millionen Tibeter erreicht, die nicht in der Autonomen Region, sondern in anderen Provinzen Chinas leben.

Die chinesischen KP-Kader reagieren auf den Vorschlag hellhörig und skeptisch zugleich. Einerseits räumen sie im Gegensatz zu früheren Positionen ein, daß die Tibet-Frage ungelöst ist und die ganze Welt beschäftigt. Andererseits verweisen sie auf die lange chinesische Geschichte, die bisher kein Beispiel für die Staatsferne der religiösen Autoritäten kennt. "Wir müssen die Unterschiede in der Religionsfreiheit und der Entwicklungsstufen unserer Länder akzeptieren", rät Yang Chengtsu, Präsident des Instituts. Das läßt die Diskussion offen. Denn Yang schließt damit eine größere Religionsfreiheit in seinem Lande nicht aus.

Antje Vollmer muß mit diesen Antworten zufrieden sein. Vor ihr war es bislang keinem westlichen Politiker gelungen, die Religionsfrage in Peking derart systematisch zu diskutieren. Und doch schreit die tibetische Wirklichkeit, die ihr in den Tagen darauf begegnet, nach mehr als akademischen Analysen. So ist die Zahl der aktiven Mönche im Jokhang-Tempel von den chinesischen Behörden auf 115 begrenzt, die den Ansturm der Pilger kaum bewältigen können. Für das religiöse Studium bleibt den Geistlichen keine Zeit mehr. Statt zuvor fünf Lehrer gibt es heute nur noch einen, 84 Jahre ist er alt. Mit dem Verschwinden der klösterlichen Intelligenz aber zerfällt die buddhistische Tradition.

Es sind eben nicht mehr die Methoden des Völkermords, mit denen Peking heute den Lamaismus bekämpft. Auf dem Pilgerweg rings um den Jokhang-Tempel haben die Behörden jetzt Marktstände zugelassen. So können sich die Gläubigen dabei ertappen, daß sie auf dem heiligen Pfad nach den Waren des chinesischen Wirtschaftswunders schielen. Nicht anders ergeht es der tiefreligiösen Bürgermeisterin von Dadung: "Mein Ziel ist es, das Dorf reich zu machen." Dafür aber ist die Grüne nicht ihre Expedition nach Tibet angetreten.