Das soll ein Fahrrad sein? Ein silbernes W rollt durch das Zentrum des dänischen Städtchens Roskilde, an seinen Enden zwei riesige Kettenblätter, die wie Kreissägen durch die Luft schneiden, wäh- rend die beiden Fahrer Kopf an Kopf und augenscheinlich recht bequem auf den inneren Schenkeln des schimmernden Aluminiumbuchstabens liegen. Gemächlich treten sie in die Pedale und lächeln den Passanten zu. Aber die nehmen kaum Notiz - das Tandem aus den Niederlanden ist nur eines unter Hunderten von bizarren Gefährten bei der Fahrradpara- de, mit der an diesem Morgen im August die Europameisterschaft der Human Powered Vehicles (HPV) beginnt.

Wer den Konvoi an sich vorbeiradeln läßt, von der Fahrradrikscha mit dem Vizebürgermeister an der Spitze bis zu den vollverkleideten Velomobilen am Schluß des Feldes, der kommt kaum auf die Idee, daß dies die schnellsten Radfahrer Europas sind und ihre Maschinen den gegenwärtigen Stand der Fahrradtechnik repräsentieren. Die Szene erinnert eher an einen Familienausflug mit älteren Herren und kleinen Kindern auf Liegerädchen aus Papas Werkstatt.

Kann man sich Matthias Wissmann, den Bundesverkehrsminister, als Festredner bei einer Veranstaltung von Fahrradfreaks vorstellen? Kaum. Wissmann steht für Auto, Flugzeug und Transrapid, für die Verkehrspolitik eines Landes mit verstopften Straßen und übergewichtigen Bewohnern, denen, wie die Woche kürzlich schrieb, "Bewegung zum Luxusgut wird, für das man große Teile seiner Freizeit opfern" müsse.

"Viele glauben, daß das Auto die Antwort auf alle Fragen ist", sagt die dänische Verkehrsministerin Sonja Mikkelsen in ihrer Rede zur Eröffnung der Europameisterschaft. Aber das Fahrrad sei "leise, macht keinen Dreck, verhindert Herzerkrankungen und tötet unsere Kinder nicht". Und dann sagt sie: "Ich weiß es, und ihr wißt es, aber weiß es irgend jemand sonst?"

Das Podest, von dem sie spricht, steht auf einem Autobahnzubringer am Stadtrand; für ein paar Stunden ist er an diesem Tag Fahrrädern vorbehalten; gleich beginnt das 200-Meter-Sprintrennen.

Die Strecke zum Beschleunigen mißt ungefähr einen Kilometer; dann kommt es darauf an, wie schnell der Fahrer zwei Induktionsschleifen an Start und Ziel passiert. Leider vereitelt der Wind an diesem Tag jeden Rekordversuch. Selbst die schnellste Maschine, eine rosa Flunder auf zwei Rädern, erreicht nur 73 Kilometer pro Stunde - eine erbärmliche Leistung für ein vollverkleidetes Liegerad. Man möge aber bedenken, sagt ein Zuschauer, Ingenieur von Beruf, "daß man bei Tempo 30 Gegenwind einen - Moment mal - 2,16fach erhöhten Luftwiderstand hat".

Der Luftwiderstand ist das große Thema der HPV-Gemeinde. Wer ein paar Tage unter Liegeradlern verbringt, der kann es hinterher auswendig: 20 Stundenkilometer in aufrechter Sitzhaltung entsprechen 35 in einem aerodynamisch verkleideten Liegerad; wer aufrecht 30 schafft, käme liegend auf 60 und so weiter. So gesehen ist Radfahren, wie die Masse es betreibt, eine großangelegte Energieverschwendung.