Wir kennen die Litanei: Die Welt braucht Frieden. Europa braucht den Euro. Und Deutschland braucht den deutschen Film. Das gilt seit Ewigkeiten, und mit dem Inkrafttreten der Bundesfilmförderung vor dreißig Jahren wurde es sogar Gesetz. Damals förderte man Kluge, Schlöndorff und Reitz. Heute fördert man Wortmann, Schlöndorff und Buck. Und noch immer ist das deutsche Filmwunder nicht in Sicht. Aber alle Jahre wieder erscheinen Wundermänner, die es versprechen. Es ist schön, ihnen zuzuschauen, wie sie mit ihren bunten Zelluloiddrachen aufsteigen in den Kinohimmel. Und es ist schrecklich, mitanzusehen, wie der kühne Flug endet.

Der 30. Juli 1998 war ein schlimmer Tag für Hardy Martins. An diesem Tag kam sein Spielfilmdebüt "Cascadeur" in die deutschen Kinos. "Cascadeur" hatte knapp sieben Millionen Mark gekostet, eine Summe, in die sich der FilmFernsehFonds Bayern, die Filmförderungsanstalt Berlin, die Firma Arri und der Fernsehsender ProSieben, aber auch einige private Investoren teilten. Der Film, dessen Untertitel "Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer" alles verriet, was man über die Handlung wissen mußte, bestand vor allem aus Actionszenen: einem Zweikampf auf der offenen Ladeluke eines Transportflugzeugs, einer Verfolgungsjagd in der Münchner U-Bahn, einer Hubschrauberexplosion, einer Fallschirmlandung im Schwarzwald.

Es gibt kein Publikum für den deutschen Actionfilm

Am 30. Juli aber fanden nur wenige Leute den Weg ins Kino zu "Cascadeur", und auch in den folgenden Tagen wurden es nicht mehr. Nach dem ersten Wochenende hatte Martins' Debüt gut vierzigtausend Zuschauer erreicht. Inzwischen liegt "Cascadeur" bei etwa siebzigtausend Besuchern, und von schwarzen Zahlen ist keine Rede mehr.

Was hat Hardy Martins falsch gemacht? Nichts. Er hat bloß den alten Eulen der Kinobranche geglaubt, die seit Jahren immer wieder vom "deutschen Actionfilm" raunen, und den Journalisten, die mit schöner Regelmäßigkeit verkünden, nach dem Ende des Komödienbooms sei nun die Zeit für etwas Neues gekommen. Er hat sich auf die Auguren und Kräuterweiblein verlassen, die ihm ein großes Publikum für Stunts und Knallereien aus Deutschland versprachen, und auf die Experten in den Fördergremien, die ihn mit Millionenbeträgen unterstützten. Er hat den Vertrauensmännern vertraut, und sie haben ihn betrogen.

Denn es gibt kein Publikum für deutsche Actionfilme, weder in Deutschland noch anderswo. Es gibt nur ein Publikum, das Actionfilme sehen will, egal woher und am liebsten aus Hollywood. Dieses Publikum ist dem Schwarzwald gerade erst glücklich entkommen, und es hat keine Lust, ihn im Kino wiederzutreffen. Statt dessen verlangt es nach urzeitlichen Monstern, Killer-Asteroiden, einstürzenden Wolkenkratzern und Kinostars, welche die Erde retten, und es bekommt sie: "Godzilla", "Armageddon" und "Lethal Weapon 4" haben all das im Angebot. Für einen Film, dessen production values aus einem Hubschrauber und einer schwarzgestrichenen russischen Antonow-Maschine bestehen, besteht bei dieser Konkurrenz kein Bedarf. Das hat "Cascadeur" jetzt bewiesen, so wie es vor vier Jahren Dominik Grafs "Sieger" beweisen durften, und vielleicht wird bald wieder ein deutscher Überflieger mit einem Budget unter zwanzig Millionen Mark losflattern und abstürzen, so lange, bis auch die deutschen Filmförderer begriffen haben, daß Actionfilme Geld kosten, viel mehr Geld, als das Gesetz erlaubt.

Deshalb dreht man in Deutschland Komödien. Sie sind billig, leicht zu stricken und bei den Gremien beliebt, und sie sehen aus wie das Leben, insofern es die schlechten Illustrierten imitiert. Sigi Rothemunds "Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit", der schon jetzt weit vor "Frauen sind was Wunderbares" und "Japaner sind die besseren Liebhaber" das Rennen um den dämlichsten deutschen Filmtitel gewonnen hat, ist so ein Fall. Rothemund und sein Drehbuchautor Peter Gersina lassen kein Klischee aus, welches das Herz der Amica oder Jasmin lesenden Enddreißigerin rühren könnte: zwei Selbstmörder, die kurz vor dem Sprung zwischen Balkon und Hausdach zueinanderfinden; eine Single-Mama, die ihr entführtes Baby in den Armen eines sanftäugigen Single-Dressmans wiederfindet; verschüchterte Brillenschlangen, die bei Mambo-Klängen zu vollreifen Vamps erblühen, gelangweilte Familienmütter auf der Suche nach nightlife und Abenteuer, Schriftsteller mit Schreibkrise und so fort. Der Höhepunkt des Films ist eine Szene, in der Christoph Waltz in einem roten Ferrari vor den Augen des leibhaftigen Papstes in die Isar stürzt. Das sieht genauso blöd aus, wie es klingt, aber unter uns Jungfilmern nennt man dergleichen wohl eine Idee.