Zürich/New York

Wie der Rechtsanwalt Sigi Feigel hinter seinem Schreibtisch sitzt, wie er den Kopf in heiligem Zorn schüttelt, wie er lockt und droht, da schleicht sich ein Gedanke ein, der gar nicht hierhergehört: So einen möchte man zum Verteidiger haben, wenn man einmal etwas ausgefressen hat. Dieser Feigel ist mit allen Wassern gewaschen, der paukt einen raus. Aber es geht hier um etwas anderes. Es geht um das Nazigold, um die Klage gegen die Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse, um die Boykottdrohungen in den Vereinigten Staaten.

"Und es gibt keinen Franken mehr", sagte Feigel an jenem Tag. Er schickte sich gerade an, nach New York zu fliegen. Ein Schweizer Konzern, der anonym bleiben wollte, bezahlte die Reise. Der 77jährige Feigel sollte drüben Goodwill machen. Oder auch drohen. So wie er es an seinem Schreibtisch tat. "Verhandlungen unter Boykottdrohungen kommen nicht in Frage - das wäre eine Kapitulationserklärung."

Aber er war noch gar nicht richtig in New York angekommen, da brach die ganze Schweizer Abwehrhaltung gegen den Jüdischen Weltkongreß zusammen. Am Mittwoch vergangener Woche einigten sich die Anwälte der UBS und der Credit Suisse Group mit den Anwälten der Holocaust-Opfer auf eine "Globallösung". 1,25 Milliarden Dollar - ein Kompromiß, erzwungen von US-Bundesrichter Edward Korman und verkündet von US-Senator Alfonse D'Amato. Richter Korman, der in wenigen Sitzungen hinter verschlossenen Türen erreicht hatte, was der amerikanische Staatssekretär im State Department, Stuart Eizenstat, in mehreren Jahren nicht vermochte, blieb auch diesmal bescheiden hinter den Kulissen. D'Amato, der im Herbst zur Wiederwahl ansteht und dessen Wahlbezirk in New York die größte jüdische Gemeinde der Welt umfaßt, drängte vor die Mikrophone. Nun sei die Zeit gekommen, in der "alle Wunden heilen" können. Wichtiger als die Geldzahlung war den Klägern eine Anerkennung von Schuld gewesen. Dies hatte Arthur Hertzberg, Inhaber des Bronfman-Lehrstuhls für Geisteswissenschaften an der New York University, am selben Tag, als Sigi Feigel in seiner Anwaltskanzlei gegen den Jüdischen Weltkongreß wetterte, in der Herald Tribune geschrieben: "Beim Streit zwischen den Juden und denen, die sie beraubten, geht es nicht im wesentlichen um Geld, nicht einmal um Gerechtigkeit. Es geht um Würde." Und dies hätte eigentlich allen immer klar sein müssen: Das Leiden der Holocaust-Opfer, das auch Schweizer und ihre Banken mitbewirkten, kann nicht in Geld aufgewogen werden, es kann nicht allein mit der Zahlung von Entschädigungen entgolten werden.

In den drei Jahren, seit die Existenz von nachrichtenlosen Konten bekannt wurde, hat sich kein Schweizer Politiker zu einem uneingeschränkten Schuldbekenntnis durchgerungen. Zwar gab Bundespräsident Flavio Cotti im Mai zu: "Ohne Zweifel hat die Schweiz Fehler gemacht." Aber gleich zog er Grenzen. Die "Aufarbeitung der Geschichte", sagte er, dürfe nicht zu "masochistischen Selbstanklagen" führen. Ebenso Hans Schaffner, ein Bundespräsident des Jahres 1965: "Es ist wahr, wir haben 30000 Juden abgewiesen, aber wir haben auch 25000 andere Juden aufgenommen." Hätte zu einem frühen Zeitpunkt ein Schweizer Bundesrat in New York oder in der Gedenkstätte Jad Vaschem um Vergebung dafür gebeten, daß sich Schweizer Grenzer zu Vollzugsgehilfen der deutschen Nazis machen ließen und daß Schweizer Banken wissentlich Hehlerdienste leisteten, dann wäre es schon vor langer Zeit zu einem Vergleich über Kompensationszahlungen gekommen. Doch Uneinsichtigkeit und Gegenanklage überwogen bis zuletzt: Um nichts als Geld und "mehr Geld" ginge es, sagte mit - bestenfalls unbedachtem - antisemitischem Unterton im Frühjahr Sonderbotschafter Thomas Borer in Washington.

In der Tat hatte sich der Jüdische Weltkongreß nicht mit einer symbolischen Zahlung abspeisen lassen. Aber Avraham Burg, Chef der Jewish Agency, sagte es jetzt noch einmal unmißverständlich in Tel Aviv. "Die historische Übereinkunft" sei nicht allein wegen des Geldes möglich geworden, sondern wegen der vor Gericht abgegebenen Erklärung der Schweizer Banken: "Wir haben gesündigt, wir haben Vertrauen mißbraucht."

Dies war der Fehler der Schweizer: Sie glaubten, die Schuldfrage, über welche die Neue Zürcher Zeitung stets nur unter der verharmlosenden Spitzmarke "Schatten des Zweiten Weltkriegs" berichtete, als bloße Versicherungssache abhandeln zu können.