Plötzlich sagte der Festredner einen Satz, der die Versammelten aus jenem Halbschlaf riß, den professionelle Besucher offizieller Rituale hinter ihren Feiertagsmienen zu verbergen pflegen: "Das Ereignis, dessen wir heute hier gedenken, ist für ein zehnjähriges Kind schon so weit entrückt wie für meine Generation das Kaiserreich."

Die Rede war vom Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Die Stadt hat jetzt, nach 37 Jahren, ein offizielles Denkmal - an der Bernauer Straße, wo seinerzeit die Flüchtenden aus den Fenstern sprangen, weil man ihnen die Eingangstüren vernagelt hatte. Jeder kennt diese Bilder. Sie gehören zum kollektiven Bildgedächtnis der Jahrhunderts.

Man muß alte Fotos zu Rate ziehen, um von der tödlichen Schäbigkeit der Mauer einen Eindruck zu gewinnen. Zwischen den schimmernd polierten Stahlwänden von sieben Meter Höhe wirken die aufgearbeiteten "Schutzwall"-Reste seltsam harmlos und dilettantisch. Eine zynische Sekunde lang möchte man die Anlage für eine letzte Triumphgeste des Westens halten. "Schaut her", rufen die Stahlwände von West nach Ost, "so baut man eine Mauer, die etwas aushält!" Die Filmbilder mit den Leuten, die aus den Fenstern springen, passen nicht hierher.

Auch dieser Mann im Rollstuhl hier paßt irgendwie nicht. Er redet beim Festakt als Sprecher der Maueropfer, erinnert an die Toten, die Verwundeten, die Eingesperrten. Er mag sich nicht damit abfinden, als Nebenfolge eines politischen Großklimas, des Kalten Krieges oder einfach "der Teilung" betrachtet zu werden. Er spricht von den zerstörten Menschenleben. Es tut merkwürdig gut, den Ton der Unversöhntheit an dieser Stelle zu hören: Man sei zwar bereit, sich mit dem Denkmal vorerst abzufinden, werde sich aber mit der Verharmlosung der konkreten Gewalt nicht einrichten.

Noch vor ein paar Jahren wäre das alles viel einfacher gewesen: Ein Mauerdenkmal wäre die Sache der Rechten gewesen, und für ein Holocaust-Mahnmal hätte sich geschlossen die Linke eingesetzt. Man hätte sich wechselseitig die schönsten Verdächtigungen an den Kopf werfen können. (Über die Mauertoten zu sprechen war "Revanchismus". "Antifaschismus" hingegen war masikierte Staatsideologie der DDR.) Die Zeiten solcher moralischen Arbeitsteilung sind aber längst glücklich vorbei, und die dazu gehörende Rhetorik des Verdachts und der Rechthaberei wird hoffentlich bald in den Orkus folgen. Völlig ungerührt von unseren trefflichen Geschichtsdebatten gleitet die jüngste Vergangenheit allmählich ins Stadium der Unverständlichkeit hinüber. Daran ist nichts Schlimmes, und es ist auch niemandem ein Vorwurf daraus zu drehen, wie hierzulande üblich. Die Mauer ist schon heute etwas durch und durch Erklärungsbedürftiges, wie das mißlungene Denkmal unfreiwillig zeigt.

Wenn meine kleine Tochter einst vierzehen Jahre alt sein wird, wird der Mauerbau fünfzig Jahre her sein. Da sind Festakte und Fernsehdokumentationen unvermeidlich. Die Vorstellung, das Denkmal könnte bis dahin vollends rätselhaft geworden sein, erfüllt mich mit einer merkwürdigen Euphorie.