Helmut Kohl will sie, Gerhard Schröder will sie, der Grüne Joschka Fischer und der Liberale Wolfgang Gerhardt wollen sie, selbst Gregor Gysi ist dafür. Alle wollen in der nächsten Legislaturperiode eine große Steuerreform verwirklichen, die - so die parteiübergreifende Standardformel - "ihren Namen wirklich verdient".

Tatsächlich ist eine Grunderneuerung des Steuersystems dringender denn je. Das Ärgernis mit den Steuern ist jedoch nicht die Gesamtbelastung. Die volkswirtschaftliche Steuerquote - das Steueraufkommen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt - ist derzeit in Deutschland deutlich niedriger als 1960 in der alten Bundesrepublik und auch geringer als in vielen anderen Industrieländern. Doch noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik wurden Steuern so ungerecht und zugleich mit derart negativen Folgen für Wachstum und Beschäftigung erhoben wie heute.

Nur ein Beleg für die Schlagseite im Steuersystem: Machte 1960 die Lohnsteuer nicht einmal 12 Prozent aller Steuern aus, so sind es inzwischen (einschließlich Solidaritätszuschlag) mehr als 33 Prozent - und dazu kommen dann noch die Sozialabgaben. Wer Arbeit so teuer macht, darf sich über die schädlichen Wirkungen für die Arbeitsplätze nicht wundern.

Das Hauptübel sind die zahllosen Steuervergünstigungen und Ausnahmeregelungen im Steuerrecht. Sie sind zwar (fast) alle mit durchaus plausiblen Begründungen eingeführt worden, haben aber seit den siebziger Jahren immer stärker die Besteuerungsbasis ausgehöhlt. Von der Gesamtsumme aller Einkommen, die Arbeitnehmer und Selbständige, Vermögensbesitzer und Unternehmen hierzulande verdienen, wird überhaupt nur noch die Hälfte versteuert, den Rest schleusen die Steuerpflichtigen durch legale und illegale Schlupflöcher am Finanzamt vorbei.

Statt dem Gemeinwohl zu dienen, das allein Vergünstigungen rechtfertigt, bewirken die Sonderregelungen in ihrer Summe das Gegenteil. Je wohlhabender einer ist, desto eher kann er Schlupflöcher nutzen und sich dem Fiskus entziehen. Das unverzichtbare Prinzip der Besteuerung nach Leistungsfähigkeit ist auf den Kopf gestellt.

"Steuervergünstigungen sind wie eine Hydra", erkannte Klaus Tipke, Nestor der deutschen Steuerrechtler, schon vor Jahren. "Die Lobbyisten finden immer neue Gründe, schieben immer neue Gründe nach."

Mit der deutschen Einheit ist es noch schlimmer geworden - die Betonruinen in den neuen Ländern sind nur ein sichtbares Zeichen dafür, in welchem Ausmaß Kapital fehlgelenkt wird. Und erst vor wenigen Wochen, als die konservativ-liberale Koalition wieder einmal lautstark die Blockade ihrer Reformpläne durch die SPD im Bundesrat beklagte, wurde den Reedern ein neues Schlupfloch geöffnet. Ob sich ein Normalverdiener im Westerwald ein Häuschen baut oder ein Gutbetuchter einen Büroklotz in Leipzig hochzieht, ob ein Arbeitnehmer sich ausbildet, heiratet, eine Lebensversicherung abschließt oder seinem Schach- oder Golfclub Gutes tut, ob jemand die Gründung eines Unternehmens plant oder seinen Betrieb verkauft - für alles gibt es einen Steuerrabatt.