Berlin

Das Gespenst, das in diesem Jahr aus dem Sommerloch in die Medien kam, ist nicht mehr ganz unbekannt: die deutsche Demokratieverdrossenheit. Der Spuk hat seine alarmierende Wirkung nicht verfehlt. Ist das System in Gefahr?

Die Verdrossenheit zum Beispiel, der Schlüsselbegriff des Parteienforschers Stöss: Nach seiner Studie, die er auf Umfragedaten des Forsa-Instituts aus den Monaten Mai und Juni (insgesamt 3186 Befragte) stützt, sind zwei Drittel der Bundesbürger im weitesten Sinn unzufrieden mit der Demokratie, die eine Hälfte (30 Prozent) mit der Praxis (Politikverdrossenheit) , die andere (31 Prozent) sogar mit dem Prinzip (Systemverdrossenheit) . Angesichts von so viel Unzufriedenheit kann einem bange werden.

Doch andererseits: Erklärt der Begriff Verdrossenheit genug? Wer beispielsweise den Wahlkampf nicht ernst nimmt, die Parteien kritisiert und die Spitzenpolitiker skeptisch beurteilt, ist weder zwangsläufig politikverdrossen noch gar systemfeindlich. So herrscht in der Union weitverbreitete Unzufriedenheit mit der Partei und ihrer Führung, auch mit der Regierung. Doch es wäre falsch, diese akuten Fälle von Kohl-Überdruß als Verzweiflung am demokratischen System zu deuten. Die gestandenen Sozialdemokraten, die sich täglich neu die Haare über ihren smarten Kanzlerkandidaten raufen, werden ihren Unwillen gegen Schröder nicht in Parteiverdrossenheit umschlagen lassen, jedenfalls nicht vor dem 27. September. Und der schärfste Kritiker an der parteipolitischen Praxis in der Republik, der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, übte seine Parteienschelte nur in der Sorge, der Machtmißbrauch der Parteien könnte die weithin feststellbare Politikverdrossenheit der Bürger zur Demokratieverdrossenheit werden lassen.

Insofern lädt die Begriffswahl des Berliner Soziologen Stöss zu Mißverständnissen und übertreibender Interpretation ein. "Jeder dritte Deutsche lehnt die Demokratie ab", titelte die Berliner Zeitung - eine glatte Irreführung -, und andere Medien werteten die Studie kaum vorsichtiger. Prompt war deren Autor Stöss in der vergangenen Woche vollauf damit beschäftigt, die überschießenden Alarmbefunde in Interviews wieder einzufangen. Systemverdrossene, wie er sie definiert, seien weder notwendigerweise "Verfassungsfeinde" im juristischen Sinne, noch dürfe man sie "umstandslos mit politischem Extremismus" gleichsetzen.

Im Gespräch wehrt sich Stöss gegen Methodenkritik, die im Kollegenkreis laut wurde. Die Fragestellung zur Messung von Zufriedenheit und Unzufriedenheit werde seit Jahrzehnten international benützt, sowohl zum "politischen System" ("so wie es in der Verfassung festgelegt ist") wie zu dessen Praxis ("so wie es tatsächlich funktioniert"); die Befragten haben jeweils vier Antwortoptionen: sehr zufrieden, eher zufrieden, eher unzufrieden und sehr unzufrieden.

Methodisch unterscheidet sich diese Befragung insofern von anderen, beispielsweise von der der Forschungsgruppe Wahlen. Auch die Mannheimer fragen zwar immer wieder nach der Zufriedenheit, aber nur in einer Variante ("Was würden Sie allgemein zur Demokratie in Deutschland sagen?"), und sie bieten nur zwei pauschalierende Antworten an (eher zufrieden, eher unzufrieden). Zweierlei Formen von Unzufriedenheit oder "Verdrossenheit" kann man so nicht messen - die Mannheimer sehen in dieser Differenzierung "eine etwas künstliche Unterscheidung".