Paula löst eine Busfahrkarte - zu den Eltern auf die Hallig. "Einfache Fahrt?" fragt der Mann am Schalter, "oder hin und zurück?" Paula zögert. "Einfache Fahrt", sagt sie.

Denn zurück kann sie nicht. Ihre Wohnung ist leer, der Gerichtsvollzieher hat die Möbel rausgeräumt. Strom war schon lange abgestellt, und jetzt ist ein Nachmieter benannt. Sie kann nur noch auf den Bus warten - und auf Schorsch, ihren Mann, den sie hier treffen will.

Den blutigen Stoff hat Horst Sczerba ruhig, kühl und beklemmend konsequent so inszeniert, daß alles Kontur kriegt, was die Geschichte trägt: die Verzweiflung des Verlierers, die Liebe zu seiner Frau, die erstickende Gewißheit, verkauft worden zu sein ("Ich will nur, was mir zusteht"), die Erbarmungslosigkeit der Umstände. Seine beiden Stars, Joachim Król und Nina Petri, haben ihn dabei mit ihren subtilen Mitteln unterstützt, und herausgekommen ist eine Abstiegsballade von ungewöhnlicher Feinheit und Kraft.

Das Geheimnis eines überzeugenden Drehbuchs ist nicht, daß die Geschichte "aufgeht", sondern im Gegenteil, daß die Brüche, Fallen und Krümmungen, die aus der Perspektive der Ordnung und des Klischees "das Leben" fehllenken, in Erscheinung treten. Hierfür hat Sczerba ein sicheres Gespür; er verknüpft die Zufälle und Mißverständnisse, die Impulstaten seiner Figuren zu einer Schicksalslinie, die dann doch wieder ihre "Logik", ihre tragische Richtigkeit, hat. "Die Unschuld der Krähen" ist ein Sozialdrama, das in einem heruntergekommenen, über seine eigene Schäbigkeit verblüfften Hamburg spielt. Aber die Anklage, die zwischen den Dialogen und Schnitten hervorklingt, hat nichts Äußerliches oder Aufgesetztes. Sie ist ein Begleittext, der sich von selbst ergibt, wenn man den Assoziationen folgt, die das Los eines sanftmütigen Buchhalters und seines von Kindheit an geliebten Mädchens wachrufen.

Schorsch stirb im Bus an Paulas Schulter. Er ist am Ziel. Sie auch, obwohl sie hier unten noch ein paar Jährchen absitzen muß.