Vorsicht, das ist ein Überfall! Wenn die Verwandtschaft zum Essen kommt, sind Suppe und Huhn die Rettung:

Es gibt im Leben jeder Familie Tage, die gleichen einem Erdbeben. Nicht weil der Filius seine neue Stereoanlage in Betrieb setzt oder sein Schwesterchen einen Brief von Leonardo DiCaprio erhält. Es ist der Tag, an dem der angekündigte, aber immer hinausgeschobene Besuch der Verwandtschaft Wirklichkeit wird. Die weihnachtliche Flucht der Familien in exotische Fernen ist eine Vorsichtsmaßnahme für genau diesen Fall. Doch zur Zeit scheint die Sommersonne auf den Stammbaum. Und von der nächsten Autobahnausfahrt hat es die vagabundierende Mischpoke nicht weit, um bei uns Dach und Atzung einzuklagen, wie das schon bei den Nibelungen üblich war (deren Gastfreundschaft - siehe Kriemhild - nicht selten in einem Blutbad endete). So unfreundlich sind wir jedoch nicht. Wir sagen am Telephon verlegen: "Aber ja, wir sind zu Hause und freuen uns!"

Nein - so tief darf man nicht sinken. Gerade nicht im Angesicht einer unangenehmen Herausforderung. Die gilt es, mit Bravour und vor allem mit Würde zu bestehen. Vergessen wir die Indianer, die nach neuesten Erkenntnissen fröhlich dem Kannibalismus frönten. Verges-sen wir die Päpste der Renaissance, die zu Festmählern luden, bei de-nen das Dessert aus Blausäure bestand. Wir sind zivilisiert und ko-chen einen großen Eintopf, der den Schwager- und Schwiegerleuten schmecken wird. Vorher eine Suppe und zum Abschluß, schon um den eigenen Rabauken eine Freude zu machen, einen Rhabarber Crumble.

Champignoncremesuppe

Die haben wir alle oft gegessen. Es ist eine Suppe der friedlichen Art, sanft und gefällig. Bloß selbstgemacht haben wir sie nie. Ich kenne niemanden, der das je unternommen hätte. Man könnte glauben, eine Champignoncremesuppe käme fix und fertig auf die Welt. Doch sie hat wie alle Suppen einen Vater und eine Mutter, durchlebt eine mehr oder weniger glückliche Kindheit und wird auf geheim- nisvolle Weise zu einer schmackhaften Vorspeise. Dieses Geheimnis wollen wir heute lüften.

Für acht Personen brauchen wir 2 Suppenhühner à 1800 g. Die werden am Vortag 2 Stunden zusammen mit den üblichen Suppengemüsen gekocht. Dann ist die Brust gar, aber noch nicht trocken. Deshalb werden die Brusthälften ausgelöst, und der Rest muß noch einmal 1 Stunde sieden, wie immer bei Suppenhühnern. Wahrscheinlich geht das nicht auf einmal; denn einen so großen Suppentopf haben die wenigsten. Von den Hühnern wird nun alles Fleisch sorgfältig abgelöst. Dabei die an den Muskelspitzen der Beine sitzenden Sehnen ebenso wegschneiden wie restliches Fett oder Haut. Also schieres Fleisch. Das wird in etwas Brühe aufbewahrt.

Die restliche Bouillon wird durchgesiebt und noch eine Weile reduziert. Dann in den Kühlschrank stellen, damit am nächsten Tag die obenauf fest gewordene Fettschicht abgehoben und weggeworfen werden kann. Diese Arbeit mache ich mir natürlich nicht allein wegen der Champignoncreme. Im Hauptgang des Verwandten-Menüs spielt das Hühnerfleisch die erste Geige.