Für alle Menschen, die die Grünen nicht mögen, hat der ehemalige Titanic-Redakteur Christian Schmidt ein Buch geschrieben: Pünktlich zur heißen Phase des Wahlkampfs erschien seine Abrechnung mit Joschka Fischer, dem Sprecher der grünen Bundestagsfraktion.

Der Autor hätte allerdings sich und seinen Lesern einen Gefallen getan, wenn er auf Häme verzichtet hätte, denn sein feindseliger Ton macht die durchaus lesenswerte Ausarbeitung über Fischers wilde Jugendzeit allzu angreifbar.

Doch vielleicht bedarf es einer ausgewachsenen Abneigung, um sich durch meterdicke Stapel alter Sponti-Flugblätter, durch die Sitzungsprotokolle kommunistischer Zellen und zerfledderte Ausgaben des Frankfurter Szene-Magazins Pflasterstrand zu quälen. Genau dies hat Schmidt getan, und das Bild, das er zeichnet, kann kaum überraschen: Das Biotop, in dem der prominenteste deutsche Grüne seine politische Sozialisation erhielt, bestand aus dem in den siebziger Jahren üblichen Gemisch von K-Grüpplern, mehr oder minder rabiaten Hausbesetzern, autonomen Frauen und den Betreibern alternativer Kneipen, Kfz-Werkstätten und Buchhandlungen. Die Sponti-Truppe "Revolutionärer Kampf" (RK) um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit war mit anderen linksradikalen Organisationen durch die Überzeugung verbunden, daß "Massenwiderstand" gegen den reaktionären Staat vonnöten und "Reformismus" (wie ihn beispielsweise die SPD praktizierte) von Übel seien. Von den übrigen Systemgegnern diesseits der RAF unterschied sich der RK durch seine Militanz: Schmidt schildert unter anderem paramilitärische Übungen einer sogenannten Putzgruppe, die unter Fischers Leitung im Taunus für den Frankfurter Straßen- und Häuserkampf trainierte. Es ging also offenbar darum, den antistaatlichen Widerstand "gewaltsam zu organisieren", wie Fischer es 1974 auf einem "Tribunal gegen Folter" in der Frankfurter Universität formulierte.

Derartige Auffassungen scheinen in Fischers damaligem Milieu verbreitet gewesen zu sein, und man mag sie heute als läßliche Jugendsünden abtun.

Andererseits wirft Schmidts Buch eben die Frage auf, wie weit man einem Politiker seine "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern"-Attitüde durchgehen lassen sollte.

Interessanter als Fischers frühe Ansichten ist aber der Kontext, in den Schmidt sie stellt: Anfang der achtziger Jahre bemühten sich K-Gruppen-Mitglieder und Frankfurter "Spontis" in Hessen (aber auch anderswo) gezielt um eine Infiltration der jungen, erfolgreichen Öko-Partei "Die Grünen". Hier bot sich ihnen endlich eine realistische Chance auf Teilhabe an der politischen Macht. Der Autor berichtet von Masseneintritten in den hessischen Landesverband - 600 Neumitglieder konnte dieser zwischen Oktober 1982 und Mai 1983 begrüßen -, die vordringlich dem Zweck dienten, Joschka Fischer Mehrheiten auf grünen Landesversammlungen zu verschaffen. Seine "realpolitische" Fraktion war in der Partei ungleich erfolgreicher als die von ihr diffamierten "Fundamentalisten". Schmidt interpretiert diese Form der "Realpolitik" allerdings vor allem als Entschlossenheit, sich nicht durch grüne Prinzipien von der Machtausübung fernhalten zu lassen. Wer beobachten konnte, wie die Grünen ein ums andere Mal in Wahlkämpfen mit Verve gegen große Infrastrukturprojekte zu Felde zogen, um sich in den darauffolgenden Koalitionsverhandlungen doch für eine Regierungsbeteiligung zu entscheiden, muß dieser Einschätzung eine gewisse Realitätsnähe bescheinigen. Christian Schmidt: "Wir sind die Wahnsinnigen ..." Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang. Econ Verlag, Düsseldorf/ München 1998 319 S., 39,80 DM