Noch 53 Minuten. Regungslos reckt die Columbia ihre schwarze Nase in den wolkenlosen Himmel. Unter ihr der mächtige Treibstofftank, an dessen Seiten zwei weiße Düsen, die wie Raketen aussehen. An Bord warten eine Frau, sechs Männer, achtzehn Mäuse, 135 Schnecken, 152 Ratten, 233 Fische und 1514 Grillen auf den Countdown. STS 90-Neurolab, die neunzigste Space-Shuttle-Mission, ist bereit.

Nur drei Meilen entfernt, gleich hinter einem Tümpel mit toten Bäumen, lebendigen Reihern und dösenden Alligatoren, erhebt sich die stählerne Zuschauertribüne. Zu Hunderten sind Schaulustige hergepilgert, um samt neugekauften Neurolab-T-Shirts und eiskalten Soft Drinks dabeizusein, wenn Amerika ins All knallt. Digitaluhren auf Stativen zählen die Sekunden herunter, aus Lautsprechern dringen sehr männliche, sehr konzentrierte Stimmen, die sehr kurze Worte sagen.

Es ist Launch Day im Kennedy Space Center in Cape Canaveral/Florida. Flugtag im größten und meistgenutzten Weltraumbahnhof der Erde, der gleichzeitig als Wissenschaftszentrum und als Erlebnispark für Touristen fungiert.

Hinter der Zuschauertribüne liegt eine riesige Ausstellungshalle. Gleich am Eingang des Apollo Center getauften Hangars blickt man einem blechgewordenen Menschheitstraum geradewegs in den Hintern: Fünf riesenhafte Düsen prangen an der ersten Stufe der legendären Saturn-V-Rakete, die seinerzeit Apollo 11 auf den Mond schoß. Quer gelegt und frisch lackiert, hängt das Monstrum nun 110 Meter lang über den Köpfen der Besucher. Die bekommen zu ebener Erde multimedial die Erfüllung von Amerikas Traum im Raum nahegebracht. Auf Videoschirmen geben ehemalige Mondfahrer nach Tastendruck Sätze von sich, die von Vokabeln wie great und fantastic nur so wimmeln. Und im nachgebauten Kontrollzentrum der Mondlandungsmission startet auf großen Leinwänden noch einmal die Mondrakete, flammenspeiend, donnergrollend in hochmoderner THX-Dolby-Surround-Tonqualität.

Warum auch kleckern, wenn man mit nationalen Heldentaten klotzen kann? Im Lunar Surface Theatre erschallen Trompeten, Posaunen, Fanfaren, als Edwin Aldrin seinen Fuß ins Tal der Stille setzt, um als erstes einen Pfahl ins Mondgestein zu treiben, an dessen Ende ein blau-weiß-rotes Tuch flattert.

Stars and Stripes - das hebt das Gemüt.

Dieser moralischen Aufrüstung kann man ungezwungen die körperliche folgen lassen. Schließlich lockt das "Rocket Plaza Restaurant", über dessen Tischen eine Replik der staksigen Mondfähre Eagle schwebt, auch mit Schnellkost im Astro-Look. In der klaren Limo blubbern neongelbe Bläschen. Das gefriergetrocknete Eiskrem-Sandwich etwa, angekündigt als Action Snack, sieht aus wie ein Eiskrem-Sandwich, ist aber hart und trocken wie Planetenstaub.