Das "Schwarzbuch des Kommunismus" hat in der intellektuellen Öffentlichkeit nicht nur Deutschlands ein vorher kaum für möglich gehaltenes Aufsehen erregt. In dem Kapitel über "Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion" findet sich aus der Feder von Nicolas Werth ein so nüchterner wie ergreifender Abschnitt über den "Großen Terror (1936-1938)". Für Werth war die "Jeschowina", benannt nach Nikolaj Jeschow, dem damaligen Chef des NKWD, von Anfang bis zum Ende durch Stalin gesteuert. Sie, die mehrere hunderttausend Opfer gefordert hatte, diente zum einen dazu, eine willige Bürokratie zu schaffen, zum andern alle, so das Strafgesetzbuch, "in sozialer Hinsicht gefährlichen" Elemente, etwa ehemalige Kulaken, Menschewiki und Sozialrevolutionäre auszumerzen.

Wadim S. Rogowin schildert in seinem "Jahr des Terrors" weitaus detaillierter als Werth die Ereignisse, insbesondere die ersten beiden großen Schauprozesse. Trotzkistisch orientiert, attackiert der Autor Chruschtschow, der die Schuld nur bei Stalin gesehen habe, wendet sich jedoch selbst heftig dagegen, "die heroische Zeit der russischen Revolution in Mißkredit zu bringen und mit Schmutz zu bewerfen".

Die Diskrepanz zwischen der exakten Beschreibung des Ablaufs und ihrer kühnen, mitunter verschwörungstheoretisch angelegten Interpretation ist eklatant. Auf die Schauprozesse fixiert, vernachlässigt Rogowin die Repressionen im gesamten Land. Im Bestreben, Legenden aufzudecken, strickt der Autor an neuen (etwa mit Blick auf Trotzkij), die übrigens gar nicht so neu sind. Gift und Galle spuckt er gegen die "offenen Renegaten des Kommunismus", zu denen er Gorbatschow, Jelzin und Jakowlew zählt.

Ausgreifender - und frei von solchen Nostalgien - ist Hermann Webers und Ulrich Mählerts Band zu den "stalinistischen Parteisäuberungen 1936-1953".

Das von der Volkswagen-Stiftung geförderte Werk untersucht die mehr oder weniger blutigen Säuberungen im Kommunismus. "Diese Bewegung hat im Stalinismus", so die Herausgeber, "mehr ihrer eigenen Führer, Funktionäre und Mitglieder ermordet, als dies ihre Feinde taten." Das Sammelwerk spürt den Intentionen, den Methoden und Dimensionen von Parteisäuberungen in ausgewählten kommunistischen Herrschaftssystemen nach. Wenngleich die SED im Vordergrund steht, finden sich auch Beiträge zu den Säuberungen in der KPdSU, der KPC und unter den deutschen Emigranten in der Sowjetunion.

Die Parteisäuberungen - im übrigen wohl ein euphemistischer Begriff - dienten im wesentlichen als Herrschaftsinstrument der kommunistischen Diktatur.

Dadurch wurde Kritik mundtot gemacht, die Partei "auf Linie" gebracht, Kaderpolitik betrieben, Opportunismus gefördert. Zwar waren die Methoden der Säuberungen, je nach historischen Phasen, verschieden, vom Ausschluß bis zur physischen Vernichtung, doch entsprachen diese im Prinzip denselben Mechanismen - dem ideologischen und organisatorischen Terror.

Nicht nur die bolschewistische Partei wurde blutig gesäubert. Dem Terror fielen auch zahlreiche Führer der Kommunistischen Internationale wie Béla Kun zum Opfer. Besonders schlimm wütete er unter den deutschen Emigranten in der Sowjetunion, wie Reinhard Müller anschaulich und anhand vieler Beispiele belegt. Unterwerfungsgesten nutzten den "Doppelzünglern" nichts und schon gar nicht Bemühungen ihrer Angehörigen. "Ausweglos gefangen im stalinistischen Laboratorium zur Herstellung des ,Neuen Menschen', begingen mehrere Frauen von Verhafteten in ihrer materiellen und existentiellen Not Selbstmord oder verfielen in Depression und Wahnsinn."

Der Liquidierung Heinz Neumanns, eines führenden KPD-Mitglieds in der Weimarer Republik, geht Fritz N. Platten in einer Fallstudie nach. Neumann wurde von der Schweiz zwar nicht nach Deutschland ausgeliefert, doch kam er "vom Zürcher Regen in die Moskauer Traufe". Im "Vaterland aller Werktätigen" erwartete ihn im Jahr 1937 nach Folterung der Genickschuß.

Die "Parteisäuberungen" setzten sich in den neuen Volksdemokratien nach 1945 fort, freilich nicht so blutig wie in der Sowjetunion vor 1945. Sie richteten sich zumal gegen ehemalige Sozialdemokraten, gegen Westemigranten, gegen tatsächliche oder vermeintliche "Titoisten", gegen "Abweichler" schlechthin, ob sie es nun waren oder nicht.

Die Kehrseite der parteiinternen Säuberungen - dieser Aspekt kommt zu kurz - war die Gleichschaltung der gesamten Gesellschaft. Schauprozesse förderten die erwünschten "Geständnisse" zutage, wie der Beitrag von Karel Kaplan und Frantisek Svátek über die CSR zeigt. In der DDR verzichtete die Führung auf Schauprozesse, nicht jedoch auf Planungen für sie, wie Hermann Weber nachweist, ohne aber im einzelnen exakt die Gründe für ihr Ausbleiben nennen zu können.

Die Sowjetische Militäradministration mischte bei den Parteisäuberungen in der SBZ/ DDR kräftig mit. Zu diesem Befund kommen Gennadij Bordjugow wie, im längsten und besonders sachkundigen Beitrag, Ulrich Mählert. Dieser führt fünf wesentliche Funktionen der Säuberungen an: Die Reinigung der Parteien von tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden die Steuerung der Kaderpolitik die Erziehung der Mitglieder ihre Mobilisierung für die Partei und die Präsentation von Sündenböcken für die vielfältigen Defizite. Hier wird also der rationale Kern der Verfolgungen in den Vordergrund gerückt, wahrscheinlich mit Recht, wenngleich sie auch eine unerwünschte Dynamik zu entfalten vermochten.

Kritikwürdig erscheint Webers Charakterisierung, die Säuberungen seien "ein immanenter Teil des Wandels des Kommunismus von einer radikal-sozialen Bewegung in eine totalitäre, diktatorische Organisation" gewesen - als habe dem Kommunismus gleich welcher Schattierung anfangs keine totalitäre Neigung innegewohnt. Auch der Terminus von den "demokratischen Ansätzen des Kommunismus" ist wenig zwingend, ebenso der Begriff "stalinistisch" für die Parteisäuberungen. Forschungen amerikanischer "Revisionisten", die die Dimension der blutigen Säuberungen herunterspielten, sind nach diesen Untersuchungen wohl haltlos.

Der mit neuen Erkenntnissen aufwartende Band aus der "Mannheimer Schule" gewinnt seinen besonderen Reiz durch den Abdruck einer Fülle größtenteils neuer Dokumente, die einen guten Einblick in die damalige Atmosphäre vermitteln. Man lese etwa die Eingabe des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Theodor Beutling, der nach seiner Verhaftung im Januar 1938 zunächst unter Folter "gestanden", dann widerrufen hatte und nach mehr als drei Jahren Haft tollkühn - und vergebens - die sowjetischen Behörden ersuchte: "Ich will in meine deutsche Heimat zurück, die ich erst hier in der Sowjetunion im Gefängnis schätzen gelernt habe."

Wadim S. Rogowin: 1937 - Jahr des Terrors Aus dem Russischen von Hannelore Georgi und Harald Schubärt Arbeiterpresse Verlag, Essen 1998 591 S., 58,- DM Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hrsg.): Terror Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953 Schöningh Verlag, Paderborn 1998 618 S., 98,- DM