Eine britische Variante der Kombilöhne ist ein wichtiges Element im Reformprogramm der Labour-Regierung. Tony Blairs Schatzkanzler Gordon Brown stellte seinen Landsleuten im Frühjahr einen Haushalt vor, der "Arbeit wieder lohnenswert" machen soll. Damit meinte er - neben Reformen bei der Einkommensteuer und einem Umbau der Sozialversicherung - den Working Families Tax Credit (WFTC).

Der WFTC soll im Oktober 1999 in Kraft treten und ist als eine Art Steuergutschrift für Arbeitnehmerfamilien mit niedrigem Einkommen konzipiert.

Die wird mit der Einkommensteuer verrechnet und kann vom Jahr 2000 an über den Arbeitgeber ausgezahlt werden. Rechnet man den WFTC mit Kinderfreibeträgen und Browns Steuer- und Sozialversicherungsreformen zusammen, kommt eine staatliche Einkommensgarantie von umgerechnet 520 Mark pro Woche heraus. Außerdem wird ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt, damit Arbeitgeber diese Regelung nicht ausbeuten - also niedrigere Löhne zahlen, weil der Staat das Einkommen sowieso ausgleicht.

Der staatliche Eingriff in den Arbeitsmarkt hat einen guten Grund: Großbritanniens Arbeitsmarkt hat am unteren Rand ein ausgeprägtes Billiglohnsegment entwickelt. Der Lohn für Einstiegsjobs liegt häufig unter zehn Mark pro Stunde. Eine Familie kann man damit kaum ernähren, so daß sich viele Briten lieber für Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe entscheiden. Labour will dagegen mit zwei Mitteln vorgehen: mit Zuckerbrot wie beim WFTC und Peitsche wie etwa bei jugendlichen Langzeitarbeitslosen, denen bereits jetzt die Sozialhilfe gekürzt wird, wenn sie keine Beschäftigung annehmen.

Dabei stammt das Prinzip des WFTC ursprünglich gar nicht von Brown. Schon seine konservativen Vorgänger hatten staatliche Hilfen für geringverdienende Arbeitnehmer geschaffen. Der WFTC löst den Family Credit ab - eine Hilfe, die über das Sozialamt ausgezahlt wird. Wenn eine britische Familie sechs Wochen lang eine geringbezahlte Beschäftigung nachweist, erhält sie zur Zeit noch staatliche Hilfe als Family Credit obendrauf, der bei höherem Einkommen verrechnet wird. Zuletzt bezogen auf diese Weise etwa 750 000 Haushalte zusammen sieben Milliarden Mark. Etwa zur Hälfte waren die Empfänger alleinerziehende Mütter, zur anderen Familien mit nur einem Arbeitnehmer.

"Im Prinzip ein guter Ansatz", glaubt Paul Gregg, Arbeitswissenschaftler an der London School of Economics (LSE), "in vielen Fällen wurde erreicht, daß die Leute nicht den Kontakt zum Arbeitsmarkt verloren haben." Allerdings gab es auch Kritiker. Zum einen erforderte der Family Credit Gänge zum Sozialamt - und aus Unwissenheit, Scham oder zum Vermeiden des umständlichen Verfahrens beantragen ihn nach einer Schätzung der Joseph Rowntree Foundation nur siebzig Prozent der Berechtigten. Zum anderen bewirkt der Family Credit manchmal sogar, daß die Empfänger einen besserbezahlten Job ausschlagen und statt dessen lieber weiter staatliche Hilfen beziehen. Ein Grund ist die Unsicherheit darüber, wieviel Geld man am Ende wirklich zur Verfügung haben wird.

Paul Gregg glaubt, daß durch den Family Credit die alleinerziehenden Mütter den deutlichsten Arbeitsanreiz erhalten - allerdings vor allem für Teilzeitjobs zwischen sechzehn und zwanzig Stunden. Bei höheren Verdiensten wird der staatliche Zuschuß ziemlich schnell wieder entzogen, so daß auch die Arbeitsmotivation schwindet.