Der russische Premierminister Sergej Kirijenko saß da wie ein Musterschüler und schaute mit eifrigem Blick in die Journalistenmenge. Doch was der 36jährige mit dem jungenhaften Gesicht am Montag morgen in vielen Worthülsen zu erklären versuchte, war, in den normalen Sprachjargon übersetzt, nichts anderes als eine wirtschaftspolitische Kapitulation: Rußland ist zahlungsunfähig und der Kurs des Rubel nicht mehr zu halten.

Wieder einmal war das Volk in die Irre geführt worden. An den Moskauer Wechselstuben stiegen die Kaufpreise für Dollar am Montag um bis zu fünfzig Prozent an den oberen Rand des neuen Korridors von 9,5 Rubel pro Dollar.

Dabei hatten Regierung und Zentralbank über Monate beteuert, daß sie den Rubel stabil hal-ten würden. Noch am vergangenen Freitag sorgte Boris Jelzin sogar für einen kleinen Kursaufschwung an den Finanzmärkten: "Es wird keine Abwertung geben", sagte der Präsident und versicherte den ohnehin skeptischen Russen, daß dieses Statement "nicht seiner Phantasie" entsprungen sei.

Selbst die IWF-Milliarden verpufften wirkungslos

Da interessiert es die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr, daß die Regierung in der Tat keine andere Wahl hatte. Der Druck der Märkte war viel zu groß geworden: An besonders stürmischen Handelstagen gab die Zentralbank schätzungsweise 500 Millionen Dollar aus, um den Rubel in der vorgegebenen Bandbreite zu halten.

Zudem mußte die Regierung jede Woche durchschnittlich 1,5 Milliarden Mark auftreiben, um allein die Schulden und Zinsen auf dem Inlandsmarkt zu bedienen - ein aussichtsloses Unterfangen, nachdem zunächst der inländische und dann vergangene Woche auch der ausländische Markt für russische Anleihen kollabiert waren. Nicht einmal das milliardenschwere Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom Juli dieses Jahres hatte die Spekulationen eindämmen können. So blieb am Ende nur der Notausgang. "Ohne weitere Hilfe aus dem Westen war die Regierung chancenlos", resümierte Großinvestor George Soros.

Bei näherem Hinsehen hat das Team von Premier Kirijenko sogar relativ professionell gehandelt. Nicht nur die Bevölkerung muß Verluste hinnehmen, sondern auch risikofreudige Spekulanten, die bis zuletzt exorbitant hohe Realzinsen jenseits von hundert Prozent auf staatliche Schatzwechsel abkassieren wollten. Nach ersten Schätzungen zahlt das russische Finanzministerium rund 260 Milliarden Rubel an Inlandsschulden nicht pünktlich zurück - das waren vor der angekündigten Abwertung umgerechnet mehr als 70 Milliarden Mark.