Im August 1914 rief Kaiser Wilhelm II. den abziehenden Truppen zu: "Ehe noch die Blätter fallen, seid Ihr wieder zu Hause." Statt dessen folgte ein vierjähriger Weltkrieg, dessen Zentrum in Europa lag - an der Westfront und an der Ostfront, wie man angesichts der Konstellation des Zweifrontenkrieges in Deutschland sagte -, seine Ableger aber auch im Nahen Osten, in Afrika, in Ostasien und auf der hohen See besaß. Dieser Konflikt nahm die Züge eines totalen Krieges an.

Eine Kurzdefinition läuft darauf hinaus, daß im totalen Krieg schlechthin alle Ressourcen in den Dienst der Kriegführung gestellt werden. Der Unterschied zwischen Front und "Heimat" wird folgerichtig aufgehoben. Überall herrscht in Bertrand Russells klassischer Formulierung der Imperativ: "maximum slaughter at minimum expense". Das Fernziel ist nicht die Besiegung, sondern die Vernichtung des Gegners. In diesem Sinn gilt es, einige Gesichtspunkte zu beachten:

- Der Erste Weltkrieg führte zu einer beispiellosen Massenmobilisierung. Im deutschen Kaiserreich etwa wurden 13,2 Millionen Männer, die Hälfte aller Männer zwischen dem 16. und 60. Lebensjahr, zum Wehrdienst eingezogen. Mehr als die Hälfte wurde getötet (2,4 Millionen) oder dauerhaft verwundet (6,3 Millionen).

- Die "Heimatfront" wurde einer ungeheuren Belastung ausgesetzt. Der Lebensstandard sank rapide ab. Die endlose Zahl der Todesnachrichten untergrub die Durchhaltemoral. Der Sozialisierung der Verluste stand die krasse Privatisierung der Kriegsgewinne gegenüber.

- Der Radikalnationalismus der Vorkriegsjahrzehnte wurde noch einmal gesteigert. Die deutschen "Ideen von 1914" verklärten den autoritären Staat, stigmatisierten die "westlichen Demokratien" und setzten einen missionarischen Überlegenheitswahn den "Ideen von 1789" entgegen. Das arrogante Selbstbewußtsein von einem deutschen "Sonderweg", der dem Modernisierungspfad aller Nachbarn überlegen sei, wurde mit der sozialdarwinistischen Idee eines Vorsprungs beim Kampf ums Überleben und der Weltbeglückungschimäre der global siegreichen deutschen Kulturnation verschmolzen.

- Die Anforderungen des Krieges führten zu einer Neuformierung der politischen Machtzentren. Die 3. Oberste Heeresleitung (OHL) unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff wurde seit dem August 1916 zu einer Leitungsinstanz aufgewertet, die Züge einer Militärdiktatur besaß. Die politische Reichsleitung, der Reichstag, der Reichsmonarch - alle wurden abgewertet. Wilhelm II. sank geradezu in die Grauzone eines "Schattenkaisers" (Hans Delbrück) hinab. Eine durchsetzungsfähige Zivilleitung mit autoritären Zügen, wie sie unter Lloyd George in England und unter Clemenceau in Frankreich entstand, konnte sich in dem vermeintlich überlegenen politischen System des Kaiserreichs zu keiner Zeit herausbilden.

- Der Klassencharakter der Sozialstruktur und des Herrschaftssystems gewann unter der Belastung des Krieges noch schärfere Konturen. Das läßt sich etwa an der Ungleichheit der Lebensmittelversorgung, an den exorbitanten Unternehmergewinnen, an der Unfähigkeit, sie angemessen zu besteuern, besonders an der Radikalisierung des Imperialismus in der Kriegszielpolitik im Westen wie im Osten ablesen.