Es ist sieben vor zwölf, und das schon seit Tagen. Die Uhr am schlanken Rathausturm in Greenwich hat es aufgegeben, sich mit der Zeit zu drehen, und steht so still wie der ganze Ort. Hier, im Osten Londons, am Südufer der Themse, sieht für die meisten das Leben nicht danach aus, als würde es irgendwann einmal weitergehen: Seitdem der Hafen abgewandert ist, gehört die Gegend zu den ärmsten Englands, jeder vierte findet keine Arbeit, jeder sechste verläßt die Schule ohne Abschluß. Die Stadt liegt brach - und das ist ihre Chance, meint die Regierung und läßt in Greenwich, gleich hinter dem alten Kieswerk und mitten in der Hoffnungslosigkeit, die Zukunft siedeln.

Masten wurden dort aufgerichtet, Drahtseile vertäut, und jetzt ist sie plötzlich da, erhebt sich über der Industriesteppe: eine gleißend weiße Kuppel aus Zeltplanen, der Millennium Dome, in dem Großbritannien das neue Jahrtausend begrüßen will. "Schließlich besitzen wir noch die Zeit", sagen sich viele Briten, "selbst wenn wir das Empire verloren haben." Sie scheinen fest entschlossen, den Nullmeridian, der Greenwich durchläuft und an dem die Welt ihren Stundentakt ausrichtet, im Jahr 2000 zur Demarkationslinie zu machen. Hier, im Niemandsland, soll der Aufbruch beginnen und die Vergangenheit zurückbleiben.

Das staatliche Monument, das den Zeitenwechsel feiern und forcieren will, liegt auf einer Landzunge, dort, wo die Themse eine enge Schlaufe zieht und vor zwanzig Jahren noch ein Gaswerk stand und den Boden verpestete. Wer hinüberblickt auf das nördliche Flußufer, dem öffnet sich ein Panorama gebauter Wirtschaftsgeschichte: Er sieht den toten Hafen, die verlassenen Kais, leere Schuppen ein Schrottplatz hortet Berge ausgedienter Maschinenteile des Industriezeitalters. Dreht man dann den Kopf nur ein wenig, blinkt einem die Ära der Dienstleister und Kommunikatoren entgegen. In den achtziger Jahren trieben hier Investoren ihre ersten Wolkenkratzer in die Höhe, und die Docklands wurden weltweit bekannt - als Symbol für die wild wuchernde Kraft des Kapitals unter der Regierung Thatcher. Viele Neureiche zogen damals in das Quartier und genossen das Flair der Gegensätze zwischen verfallender Hafenkulisse und behaglich-postmodernem Zeilenbau.

Der Millennium Dome paßt hinein in diese Landschaft des Übergangs, ein fliegender Bau, von dem man nicht weiß, ob er vielleicht übermorgen schon an einem anderen Ort aufgebaut wird, um dann dort die Zukunft einzufangen. Der Architekt dieser luftigen Stätte der Selbstvergewisserung ist Richard Rogers, der zusammen mit Renzo Piano und Ove Arup in den siebziger Jahren das Centre Pompidou in Paris entwarf und seitdem bekannt ist für seine Bauten, die den Puls städtischen Lebens höher schlagen lassen. Wie das Centre, das meistbesuchte Gebäude der Nachkriegsmoderne, soll auch der Dome einen Mittelpunkt markieren und zum Magneten für viele Millionen Menschen werden.

Was wäre leichter gewesen, als mit monströser Geste der Landzunge einen Jahrtausendturm aufzupflanzen? Doch Rogers versagt sich architektonisches Spektakel - ihm geht es vor allem darum, einen Platz zu eröffnen. Wie bei den meisten seiner Bauten verbannt er deshalb den ganzen technischen Ballast, die Stromkästen, Entlüftungsrohre, Pumpen und Leitungen, nach außen und umstellt sein großes Zelt mit zylindrischen Versorgungshäuschen. So streckt sich das Innere bar aller Barrieren zu einer Arena mit einem Durchmesser von 320 Metern und 50 Meter Höhe - es entfaltet sich der größte leere Raum der Welt.

Doch die Größe macht nicht klein: Wer Erhabenheit erwartet, monumental und verheißungsvoll, wird vom Millennium Dome enttäuscht. Das Auge verliert sich in der Weite, findet keinen Maßstab, an den es sich klammern könnte, und das Ferne wirkt ganz nah. So groß ist die Fläche, daß zehn Fußballspiele gleichzeitig darauf ausgetragen werden könnten, ein offener und unbestimmter Raum, der dazu einlädt, die Leere mit den eigenen Vorstellungen von Gestern und Morgen zu füllen.

Ganz bewußt hat Rogers darauf verzichtet, ein ehernes Stück Staatsarchitektur zu inszenieren, das sich selbst huldigt und die Zukunft für eine beschlossene Sache hält. Statt dessen orientiert er sich an den luftigen Bauten der sechziger Jahre von Architekten wie Frei Otto und stellt sich in die Tradition der futuristischen Technikutopien der Gruppe Archigram. Rogers und sein Partner Mike Davies entwarfen den Engländern ein politisches Symbol ohne Pomp, ein luftiges Gespinst, das keinen Sinn verspricht, das nur Hülle sein will und es seinen Nutzern überläßt, ob und wie sie es füllen wollen.