die zeit: Der Wähler kann eine Machtkonstellation, die in der Öffentlichkeit und in den großen Parteien beliebter zu werden scheint, am 27. September gar nicht ankreuzen: die Große Koalition.

Wilhelm Hennis: Das ist immer so. Man kann nie für eine Koalition stimmen.

zeit: Dem Wähler wird kein reiner Wein eingeschenkt.

Hennis: Beide Volksparteien würden doch am liebsten wieder so regieren, wie sie es mit Ausnahme jener drei Jahre von 1966 bis 1969 immer gehalten haben, unter Ausschluß der jeweils anderen. Der Lagerwahlkampf, wie Helmut Kohl ihn propagiert, ist nach den Intentionen beider Parteien schon das, was sie eigentlich möchten. Aber es gibt diese Lager nicht mehr. In der Bevölkerung ist der Resonanzboden für einen Lagerwahlkampf verschwunden.

zeit: Welchen Einfluß hat der Wahlbürger noch auf seine politischen Repräsentanten, wenn er, wie jetzt von der SPD, über die Koalitionsabsichten im unklaren gelassen wird?

Hennis: Die SPD wird, wenn sich die Chance für Rot-Grün eröffnen sollte, kaum darum herumkommen, den Versuch mit Rot-Grün zu wagen. Dafür wird die Basis in beiden Parteien sorgen, selbst wenn Schröder anderes wollte. Ich bin jedoch überzeugt, eine solche rotgrüne Koalition wird nach zwei Jahren am Ende sein, und dann werden wir eine Große Koalition bekommen.

zeit: Brauchen wir nicht gerade diese Koalition, um die Steuer- und Rentenreform so zu gestalten, daß sie diesen Namen auch verdient?