Immer wieder sagte Ragnar Östberg nur den einen Satz. Er sagte: "Else, geh noch einmal!" Und Else ging, immer und immer wieder. Sie schritt die weite Freitreppe hinunter, die im Stockholmer Stadshuset den Goldenen Saal im ersten Stock mit der ebenerdig gelegenen Blauen Halle verbindet. Irgendwann war der exzentrische Architekt Östberg, der - nach zwölfjähriger Bauzeit - das Stadthaus im Jahr 1923 vollendete, mit Else zufrieden. Oder besser gesagt, mit der Treppe.

Am 10. Dezember eines jeden Jahres findet in dem mächtigen roten Backsteingebäude, das längst zum Wahrzeichen Stockholms geworden ist, ein Ereignis statt, das hervorragend geeignet wäre, eine Gedenkminute für Else einzulegen. An diesem Tag nämlich schreiten 240 Servierer (und -innen) diese breite, steinerne Treppe herunter, um während des feierlichen Nobel-Banketts das Festmenü zu servieren.

Genau 1348 Nobilitäten nehmen, nach der traditionellen Nobelpreisverleihung in der Konzerthalle, zusammen mit dem schwedischen Königspaar an der Tafel Platz. Wer nicht geladen ist und als Tourist nach Stockholm kommt, kann dennoch in den Genuß dieses exquisiten Dinners kommen. Im "Stadshus Källaren", dem Stadthaus-Restaurant, wo das Menü ein Jahr lang zum Preis von 845 Kronen (rund 185 Mark) gereicht wird. Auch die Gedecke für das dreigängige Menü sind die gleichen wie während des Galaabends: Porzellan, Bestecke und Gläser wurden 1991, im neunzigsten Jahr der Nobelpreisverleihung, von modernen Designern neu gestaltet.

Das diesjährige Menü, das wie immer von Mitgliedern der Nobel Foundation ausgesucht wurde, schmeckt so vorzüglich, daß selbst Gourmets keinen Grund zum Mäkeln finden würden: zum Entrée Artischockenterrine, geräucherten Lachs und Hummer, als Hauptgericht Taubenbrust mit einem gesegneten Sößchen und fein abgestimmten Beilagen, zum Dessert Eiscreme, auf der ein kesses Fetzchen rosa Zuckerwatte thront. Auch die Auswahl der Weine, je ein Glas zu jedem Gang, verrät Kennerschaft.

Etwa 7000 Nobel-Menüs würden jedes Jahr im "Stadshus Källaren" serviert, sagt die Pressedame Maria Backelin. Die meisten davon bestellten japanische Touristengruppen. Insgesamt 30 500 Söhne und Töchter Nippons sind eingekehrt seit 1994, als der japanische Schriftsteller Kenzaburo Oe den Nobelpreis für Literatur erhielt. Für dieses Jahr haben sich 5000 Japaner angemeldet. Das Festessen sei das einzige, was die Besucher aus Fernost an Stockholm interessiere, versichert Maria Backelin: "Danach fliegen sie gleich nach Kopenhagen weiter."

Während des Dinierens im "Källaren" erfährt der Gast auch einiges über die Anstrengungen, die der kulinarischen Galavorstellung vorausgehen. Jeweils fünf Stunden sind veranschlagt, um zwanzig Gedecke präzise zu plazieren, wobei sogar der Abstand zwischen den Tellern gemessen wird. Danach wird die genaue Zeit gestoppt, die das Servierpersonal für die Sprintstrecke bis zu den betreffenden Tischen braucht. Diese Via de la Rosa führt von der Küche im vierten Stock durch den 44 Meter langen Goldenen Saal und hinunter in die Blaue Halle. Fünf Kilometer legt jede Serviererin während des Nobel-Dinners zurück, stets darauf bedacht, keinen Fauxpas zu begehen. Denn das Fernsehen ist immer dabei und lauert nur darauf, daß endlich einmal ein fahrig serviertes Eisbömbchen in einem animierenden Dekolleté verschwindet - bisher allerdings vergeblich. Auch gestolpert ist noch niemand, schon gar nicht auf Ragnar Östbergs Treppe, die dank Elses nie erlahmender Geduld so formvollendet trittsicher geriet wie keine zweite in ganz Stockholm.

Informationen:, Pauschalangebot: Airtours bietet ein dreigängiges Nobelmenü im Rahmen einer mehrtägigen Stockholmreise an. Flug und zwei Übernachtungen kosten von 857 Mark an., Reservierung: Wer sich für das Nobelmenü interessiert, muß sich frühzeitig an folgende Adresse wenden: Stadshus Källaren, S-10535 Stockholm, Tel. 0046-8/650 54 54, Fax 650 57 76.