In Bad Segeberg ist der Justizapparat nicht anonym, Richter M. kennt so manche seiner Klienten seit vielen Jahren. "Diese Kleine hier ist auch so eins von meinen Menschens- und Kummerkindern", so eröffnet er die Verhandlung. Nichtehelich geboren, bei "uns Bauern auf dem platten Land" sei das ein schlechter Start gewesen, weiß der Jurist. Schon die Eltern der Angeklagten waren ihm "seinerzeit" gut bekannt: "Mutter: Trinker, Erzeuger: Trinker und watt nicht sonst alles!" Wenn drei kleine Kinderseelen in diesem "Kuddelmuddel" aufwachsen, dann genügt Richter M. Lebensweisheit, dann erspart er sich den Rückgriff auf kriminologische Milieutheorien. "Na ja, sind später alle drei drogenabhängig geworden." Man versteht, Richten macht Kummer.

Seine 27jährige Delinquentin begrüßt der Richter väterlich. "Carmen, wir beide kennen uns." Nach überstandener Drogensucht macht Carmen S. einen gepflegten Eindruck, den kleinen Sohn Kevin hat die stolze Mutter herausgeputzt. Doch Carmens unbezähmbarer Drang, sich ohne Bezahlung in Bad Segeberger Geschäften zu bedienen, macht Richter M. "allmählich böse".

Seufzend referiert er das neuerliche Sündenregister: ein Paar Kinderschuhe, Bettwäsche für 250 Mark, einen Damenpullover, eine Sporttasche, Zigaretten.

Den Rest der Anzeigen habe die Staatsanwaltschaft "großzügig" eingestellt.

Bei Kindersachen ließe er neun gerade sein, so der Amtsrichter, aber Damenpullis?

"Mädchen, du hast doch eigentlich genug Geld. Was baust du nur so einen Mist, der nicht nötig tut", sagt der Richter.

Er selber bekomme von seiner Frau gerade eben 50 Mark Taschengeld, beichtet der Jurist. Da müsse man sich eben nach der Decke strecken. Und "eine Mutti mit so einem süßen Buben", auf die der "Knast schon lange lauert", solle besonders vorsichtig sein. Richtig "nervt" Richter M., daß Carmen ihre Beutezüge immer raffinierter angeht: "Gefälschte Etiketten! Kevin, deine Mutter ist ja ein ganz gemeingefährliches Schlitzohr."